Gefährliche Fehleinschätzungen bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern8. März 2018 Foto: © Köpenicker – Fotolia.com Die meisten Patienten mit angeborenen Herzfehlern im Alter zwischen zehn und 30 Jahren schätzen ihre eigene Gesundheit als gut bis sehr gut ein. Entsprechend nehmen auch nur sehr wenige Beratungsangebote in Anspruch. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Nationalen Registers für angeborene Herzfehler. „Grundsätzlich ist es sehr erfreulich, dass die Patienten ihren Gesundheitszustand so positiv bewerten“, sagte Paul Helm, Psychologe und einer der Autoren der Studie. „Trotzdem hat uns das Ergebnis auch beunruhigt. Schließlich geht es um schwere chronische Erkrankungen, die mit erheblichen Beeinträchtigungen verbunden sind und eine kontinuierliche medizinische Vorsorge und Betreuung erfordern.“ Wird die eigene Gesundheit falsch eingeschätzt und daher die notwendige Gesundheitsvorsorge vernachlässigt, kann das zu lebensbedrohlichen Folgeerkrankungen führen. An der Studie des Nationalen Registers für angeborene Herzfehler nahmen 587 Patienten mit leichten und komplexen Herzfehlern im Alter zwischen zehn und 30 Jahren sowie 231 Eltern von Patienten teil. Die Eltern bewerteten den gesundheitlichen Status ihrer Kinder sogar noch besser als diese selbst. Auch alltägliche Einschränkungen wurden von ihnen als schwächer angesehen als von ihren betroffenen Kindern. Für die Wissenschaftler ein Anzeichen dafür, wie nötig gezielte Beratung und Unterstützung für die Patienten und ihre Angehörigen ist. Bessere Einschätzung durch psychosoziale Unterstützung Doch noch werden Unterstützungsangebote durch Sozialarbeiter oder Psychologen wenig wahrgenommen. Nur 6,5 Prozent der Patienten gaben an, solche Angebote genutzt zu haben. Helm hält das für bedenklich. Denn die wenigen Patienten, die psychosoziale Unterstützung erhalten hatten, beurteilten ihre Gesundheit und die damit verbundenen alltäglichen Schwierigkeiten durchaus realistischer als der Durchschnitt. Und so eine wirklichkeitsnahe Selbsteinschätzung ist laut dem Experten wichtig und wünschenswert für den richtigen Umgang mit der Erkrankung. Eine mögliche Erklärung für die positive Bewertung durch die Patienten sei, dass man den Unterscheid zwischen gesund und krank selbst nie erlebt hat, wenn man eine angeborene Erkrankung hat, vermutet der Psychologe. Außerdem belegen die Zahlen der Studie, dass unter den befragten Teilnehmern insbesondere Jugendliche ihre Gesundheit falsch einschätzen. „In der Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen leiden viele der Patienten darunter, nicht mit den Altersgenossen mithalten zu können und haben Angst, deshalb ausgegrenzt zu werden“, erklärte Helm. „Dass man krank ist, wird deshalb oft heruntergespielt.“ Psychosoziale Unterstützung kann hier einen wertvollen Beitrag leisten, um sich selbst richtig einzuschätzen und einen positiven Umgang mit der Krankheit zu lernen. Hilfe ist weder uncool noch verrückt Die Wissenschaftler nehmen außerdem an, dass viele Patienten und auch ihre Eltern aus Angst vor einer Stigmatisierung keinen Psychologen oder Sozialarbeiter aufsuchen. „Ein zentrales Ziel ist es deshalb, in den Köpfen fest zu verankern, dass es alles andere als schwach, verrückt oder uncool ist, sich professionelle Hilfe zu holen“, wünscht sich Dr. Ulrike Bauer, Ärztin und Geschäftsführerin des Nationalen Registers für angeborene Herzfehler. Denn von sich aus geeignete Hilfe anzufordern, ist laut der Ärztin der Schlüssel zu einer guten Lebensqualität. Adressen von seriösen Unterstützungsangeboten gibt es beim behandelnden Arzt und beim Bundesverband Herzkranke Kinder e. V. Originalarbeit: Helm PC et al.: Congenital Heart Disease 2018;00:1–7.
Mehr erfahren zu: "Versorgungsprogramm für übergewichtige Kinder zeigt Wirkung" Versorgungsprogramm für übergewichtige Kinder zeigt Wirkung Das Stufenmodell STARKIDS könnte künftig die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas bundesweit verbessern. Das zeigen die Ergebnisse der STARKIDS-Studie, die in „The Lancet Regional Health – Europe“ veröffentlicht […]
Mehr erfahren zu: "Neuer Therapie-Ansatz für die Hirnerkrankung SCA3" Neuer Therapie-Ansatz für die Hirnerkrankung SCA3 Forschende aus Tübingen haben gemeinsam mit Kollegen aus Bonn, Großbritannien und Portugal einen neuen Ansatz zur Behandlung der Spinozerebelläre Ataxie Typ 3 (SCA3) entwickelt und erfolgreich an menschlichen Nervenzellen im […]
Mehr erfahren zu: "Die kardiovaskuläre Gesundheit von Frauen beginnt bereits in der Pubertät" Die kardiovaskuläre Gesundheit von Frauen beginnt bereits in der Pubertät Vier führende US-amerikanische Fachgesellschaften stellen im Fachjournal „Circulation“ ein multidisziplinäres Rahmenkonzept vor, um die frühzeitige Prävention, Diagnostik und interdisziplinäre Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen zu verbessern.