Gewalt in Kliniken: „Hinter jedem Ausraster steckt eine Not“14. Juli 2026 Foto: Андрей Журавлев/stock.adobe.com Von Panzerglas, Stopp-Technik und emotionaler Übersetzungsarbeit sollen Mitarbeiter vor Gewalt in Kliniken schützen. Wie das konkret aussieht, zeigt ein Besuch in Duisburg. Manchmal hilft nur noch ein klares, eindeutiges Zeichen: Mit einem lauten „Stopp“ führt Deeskalationstrainerin Ina Schwarze ihre Handfläche ruckartig in Richtung der Augen des Angreifers, macht gleichzeitig einen Schritt zurück – „raus aus der Situation“, so Schwarze. „Die Stopp-Technik ist sehr wirkungsvoll. Sie funktioniert auch bei großen Männern“, sagt die zierliche Ergotherapeutin. Gewalt in Kliniken ist Alltag – Viele Krankenhäuser berichten von Zunahme Schwarze ist eine von zwei Deeskalationstrainerinnen am BG Klinikum Duisburg und Teil der Kampagne #GewaltAngehen, die die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) zur Gewaltprävention am Arbeitsplatz vor mehreren Jahren auf den Weg gebracht hat. Denn Gewalt in Klinken– daran lassen Schwarze und ihre Kollegin Claudia Plohmann keinen Zweifel – gehört längst zum pflegerischen Alltag: hier im Haus, genauso wie anderswo. „Verbale Attacken passieren bei uns täglich“, sagt Schwarze. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft berichten mehr als 66 Prozent aller Kliniken von einer Zunahme der Gewalt – zum überwiegenden Teil sind die Notaufnahmen betroffen. Der DGUV wurden in den vergangenen fünf Jahren jeweils zwischen 1300 und 1500 Arbeitsunfälle aus Krankenhäusern gemeldet, die auf Gewalt zurückzuführen sind. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Vorfälle gar nicht gemeldet würden. In Deeskalationstrainings sehen viele Krankenhäuser offenbar einen wichtigen Schlüssel, um Gewalt in Kliniken entgegenzutreten: Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft gibt es ein solches Angebot inzwischen an gut einem Drittel der Kliniken. Die Notaufnahme wurde auch durch Umbau sicherer gemacht Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), in dieser Funktion Schirmherrin der Anti-Gewalt-Kampagne der Unfallversicherung, ist heute in ihrer Heimatstadt am BG-Klinikum zur Stippvisite zu Gast, um sich von der dortigen Arbeit im Gewaltpräventionsbereich zu informieren. Die SPD-Politikerin zeigt sich im Anschluss von der wichtigen Präventionsarbeit überzeugt. „Deeskalation ist für uns weit mehr als eine Methode. Sie ist eine Haltung“, schildert Geschäftsführerin Brigitte Götz-Paul. Seit 2018 arbeite man hier systematisch daran, das Haus baulich wie organisatorisch so zu verändern, dass Mitarbeitende besser geschützt sind. Die Notaufnahme etwa wurde so umgebaut, dass alle Patienten durch eine Schleuse müssen. An vielen Stellen wurde Panzerglas verbaut, Kameras filmen denjenigen, der klingelt, bevor er eingelassen wird. Die Telefone sind mit Notrufknöpfen ausgestattet. Wer sich in einer bedrohlichen Situation wiederfindet, kann rund um die Uhr per Knopfdruck Verstärkung durch ein speziell geschultes Notfallteam anfordern. Zusätzlich zur Prävention bemüht man sich, Mitarbeitenden nach belastenden Situationen hochspezialisierte Trauma-Psychotherapeuten an die Seite zu stellen. Weil das Angebot so stark nachgefragt wurde, sei es noch stärker ausgebaut worden, so das Klinikum. Eigene Gewalterfahrung stand am Anfang Idealerweise muss es erst gar nicht so weit kommen: Die ausgebildeten Deeskalationstrainerinnen Plohmann und Schwarze versuchen mit ihrem zweitägigen Kurs möglichst alle Mitarbeiter zu erreichen. Für Plohmann war vor einigen Jahren eine eigene Gewalterfahrung im Job der Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema Gewalt in Kliniken. Ein Angehöriger war ausgerastet, hatte sie und eine Kollegin massiv beschimpft. Der Fall wirkte nach, sie habe damals sogar überlegt, den Beruf zu verlassen, berichtet sie. „Sowas will man einfach nicht noch mal erleben“, sagt die Krankenschwester mit 35-jähriger Berufserfahrung. „Mir fehlte einfach das Handwerkszeug, wie ich mit einer solchen Situation umgehen kann.“ Mitarbeiter leisten emotionale Übersetzungsarbeit Heute weiß sie: „Die Leute wollen gesehen werden. Für uns ist es vielleicht Alltag, für die Patienten oder ihre Angehörigen ist eine Ausnahmesituation“, sagt sie. Hinter jedem Gewaltausbruch stecke eine Not – das ist die Kernbotschaft, die die beiden Trainerinnen vermitteln. „Das kann Existenzangst sein, Ungewissheit oder Überforderung oder ein Missverständnis“, ergänzt Plohmann. Den Menschen in angespannten Situationen zu verdeutlichen, dass man das wisse und sehe, helfe oft. „Wir leisten da auch ganz viel emotionale Übersetzungsarbeit“, so die Pflegerin. Wenn doch nur die Flucht hilft Zentral sei der Perspektivwechsel, ergänzt Schwarze. „Ich sage oft: ‚Stellt euch vor, euer Kind wäre im Krankenhaus. Da würdet ihr auch über Tische und Bänke gehen‘“, schildert sie. „Wir müssen den Patienten auch sehr viel mehr erklären“, fährt sie fort. Gerade in der Notaufnahme könne es so manchen Konflikt entschärfen, wenn transparent gemacht werde, warum Wartezeiten entstehen und nach welchen Regeln priorisiert wird. Und wenn Reden dann doch nicht mehr hilft, sollen die Kollegen und Kolleginnen ebenfalls gerüstet sein. Wie befreie ich mich aus einem Würgegriff? Was tue ich, wenn mich jemand am Handgelenk packt? Für die einfachen Tricks braucht es keine Kampfausbildung – und doch geben sie Sicherheit für den Ernstfall. „Es gilt dabei auch wieder, auf das Bauchgefühl zu hören: Gerade die Kolleginnen aus der Pflege haben oft als Erstes gelernt, ihr eigenes Bauchgefühl zu übergehen“, sagt Schwarze. Bei Angst und Bedrohungsgefühl gebe es eben auch verschiedene Techniken, wie man sich in Sicherheit bringt. (Florentine Dame, dpa)
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