Hantavirus-Ausbruch: Genom des Andes-Virus bei Schweizer Patienten entschlüsselt

Nach Hantavirus-Ausbruch auf Kreuzfahrschiff: Die erste vollständige Sequenz der Andes-Variante des Hantavirus liegt vor. Sie stammt aus einer Blutprobe eines infizierten Schweizer Patienten. Symbolbild: ittipol/stock.adobe.com

Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff ist die erste vollständige Sequenz des Andes-Virus veröffentlicht worden, mit dem einer der Reisenden infiziert ist. Auf Basis der Sequenzdaten gebe es derzeit keinen Hinweis auf eine veränderte Übertragbarkeit. Anlass zur Entwarnung geben die Daten nach Ansicht von Experten aber noch nicht. Sie könnten jedoch das Kontaktpersonen-Management unterstützen.

Im Falle des Schweizer Patienten, der sich nachweislich mit der Andes-Variante des Hantavirus infiziert hatte, wurde nun die vollständige Sequenz auf der Plattform virological.org online gestellt. Die Veröffentlichung des viralen Erbguts ermöglicht es Fachleuten nun, die Abstammung des Erregers nachzuvollziehen, mit Sequenzen aus vorherigen Ausbrüchen wie beispielsweise 2018 in Argentinien zu vergleichen und eventuell aufgrund von Mutationen im Erbgut Erkenntnisse zur Übertragbarkeit und Virus-Epidemiologie abzuleiten1.

Weitere Verdachtsfälle, Quarantäne für Reiserückkehrer

Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius haben die Reisenden das Schiff in Teneriffa nun verlassen können. Darunter befanden sich auch vier deutsche Passagiere, die zunächst in die Niederlande geflogen worden waren und anschließend in Spezialtransporten nach Frankfurt gebracht wurden, wie die tagesschau und die Deutsche Presse-Agentur (dpa) heute morgen berichten.

In einer Pressekonferenz am 7. Mai hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) insgesamt acht Fälle von Infektionen (sechs bestätigt, zwei wahrscheinlich) mit dem Hantavirus bestätigt, die mit dem Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff zusammenhängen2. Drei Personen sind bisher verstorben, darunter ebenfalls eine Deutsche. Nach Angaben von tagesschau und dpa wurden inzwischen außerdem ein US-Amerikaner sowie eine Französin positiv getestet. Damit erhöht sich die Zahl der bestätigten Infektionen auf acht. Zudem ist von mehreren weiteren Verdachtsfällen die Rede, bei denen eine Bestätigung des Virus mittels PCR oder Sequenzierung bislang noch aussteht.

Bei der Andes-Variante des Virus gibt es Hinweise auf eine mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragung (wir berichteten). Dazu sei ein sehr enger Kontakt zu Infizierten nötig, beispielsweise zwischen Haushaltsmitgliedern oder bei pflegenden Personen. Die WHO sieht das Risiko für die Bevölkerung weiterhin als gering an und betont, dass derzeit keine Gefahr für eine Pandemie bestehe. In Großbritannien hat die UK Health Security Agency Maßnahmen zur Rückführung von Reisenden in ihr Herkunftsland und 45-tägigen Quarantäne von Schiffsreisenden veröffentlicht3. Auch in Deutschland sowie anderen Herkunftsländern sollen die Reiserückkehrer zunächst unter Quarantäne gesetzt werden.

Bislang keine Hinweise auf neuartige Virusvariante

Der infizierte Schweizer reiste im April ebenfalls mit der MV Hondius, verließ das Kreuzfahrtschiff aber bereits am 24. April 2026. Nachdem er vom Schiffsbetreiber kontaktiert wurde, meldete er sich im Züricher Universitätskrankenhaus. Dort wurde am 5. Mai die Infektion mit dem Andes-Virus bestätigt. Das Virus konnte aus Blutproben des Patienten vollständig sequenziert werden.

Nach einer ersten Auswertung kommentiert die Baseler Forscherin Emma Hodcroft in dem Expertenforum bei virological.org, dass scheinbar keine Neusortierung stattgefunden habe. Das bedeutet, dass es sich bei dem Virus um die bereits bekannte Andes-Variante handelt. Diese hat sich bisher offensichtlich nicht so stark verändert, dass sich ihr Infektionsverhalten von früheren lokalen Ausbrüchen mit Mensch-zu-Mensch-Übertragung unterscheiden würde.

Auch Dr. Roland Schwarzer, Forschungsgruppenleiter am Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen am Universitätsklinikum Essen, sagt: „Die dort gezeigte phylogenetische Einordnung auf Basis des S-Segments spricht dafür, dass die Sequenz innerhalb bekannter Andes-Virus-Sequenzen clustert. Aus den öffentlich sichtbaren Informationen – und ohne umfangreiche Analyse unsererseits – ergibt sich daher zunächst kein offensichtlicher Hinweis auf eine ungewöhnliche oder neuartige Virusvariante, aus der man allein eine veränderte Übertragbarkeit oder Infektiosität ableiten könnte.“

Keine Entwarnung ohne funktionelle Daten

Die Wissenschaftler sind sich allerdings einig, dass die neuen Informationen noch keinen Anlass zur Entwarnung geben. „Allein die Tatsache, dass das Virus sequenziert wurde, erlaubt keine Aussage, dass es sich um eine neue, besonders ansteckende oder besonders virulente Andes-Virusvariante handelt“, so Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg.

„Solche Schlussfolgerungen wären nur gerechtfertigt, wenn mehrere funktionelle Daten oder klare epidemiologische Hinweise auf ein verändertes Verhalten des Virus vorlägen“, erklärt Schmidt-Chanasit. Das sei derzeit jedoch nicht der Fall. Für belastbare Aussagen über mögliche relevante Mutationen seien deshalb idealerweise zusätzliche Sequenzen, eine höhere Abdeckung und Rohdaten beziehungsweise bestätigende Analysen notwendig.

Hilfreich für Management der Kontaktpersonen

Für das Management der Kontaktpersonen helfe die Sequenz vor allem auf drei Ebenen: „Erstens bestätigt sie den Erreger und damit die Notwendigkeit eines spezifischen Andes-Virus-Managements“, ergänzt Schmidt-Chanasit. „Zweitens kann sie helfen, Infektionsketten besser zu rekonstruieren, wenn auch Sequenzen anderer Fälle vorliegen. Dann könnte man prüfen, ob die Fälle sehr eng miteinander verwandt sind und ob das eher für eine gemeinsame Quelle oder für nachfolgende Mensch-zu-Mensch-Übertragungen spricht.“

Drittens könne die Sequenz helfen, die Diagnostik zu verbessern und gegebenenfalls molekulare Testsysteme gezielt abzugleichen. Für die praktische Kontaktpersonennachverfolgung ändere das Vorliegen der Sequenz nach Ansicht von Schwarzer und Schmidt-Chanasit zum derzeitigen Stand allerdings nichts Grundlegendes. (mkl)


Referenzen

[1] Martínez VP et al. (2020): “Super-Spreaders” and Person-to-Person Transmission of Andes Virus in Argentina. NEJM. DOI:10.1056/NEJMoa2009040.

[2] Weltgesundheitsorganisation (07.05.2026): WHO’s response to hantavirus cases linked to a cruise ship.

[3] UK Health Security Agency and Foreign, Commonwealth & Development Office: UKHSA update on the hantavirus cruise ship outbreak. Stand: 08.05.2026.