Hilfsmittelreform: Viele Familien kämpfen weiter um Rollstühle und Orthesen für ihre Kinder

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Laut einer Studie der Universität Witten/Herdecke (UW/H) verfehlt die Hilfsmittelreform ihr Ziel. Sie zeigt, dass drei von vier Eltern nach der Gesetzesänderung keine Verbesserung erleben.

Ein Rollstuhl, eine Orthese oder eine Kommunikationshilfe entscheiden oft darüber, ob ein Kind mit Behinderung am Alltag teilhaben kann oder nicht. Genau deshalb sollte eine Gesetzesänderung die Hilfsmittelversorgung beschleunigen. Seit Februar 2025 sollen Krankenkassen bei Verordnungen aus Sozialpädiatrischen Zentren auf zusätzliche Prüfungen weitgehend verzichten. So wollte der Gesetzgeber Doppelprüfungen vermeiden, Verfahren beschleunigen und Familien entlasten, berichetet die UW/H. Die Studie habe aufgezeigt, dass auch 1,5 Jahre nach der Gesetzesänderung dieses Ziel bislang kaum erreicht wurde.

Bürokratischer Aufwand verhindert zum Teil die Antragsstellung

Den Studienergebnissen zufolge sehen drei von vier befragten Eltern durch die Reform keine Verbesserung der Hilfsmittelversorgung. Nur wenige berichteten von schnelleren Genehmigungsverfahren. Gleichzeitig empfindee mehr als die Hälfte der Familien den Antragsprozess weiterhin als stark belastend. Rund drei Viertel organisierten Anträge selbst, verfolgten den Bearbeitungsstand nach oder legten Widerspruch ein. Ein Teil der übrigen Familien werde dabei von Sozialpädiatrischen Zentren unterstützt, die den Austausch mit den Krankenkassen übernehmen oder Widersprüche formulieren. Zudem verzichteten einige sogar darauf, notwendige Hilfsmittel zu beantragen, weil sie den bürokratischen Aufwand nicht mehr bewältigen könnten.

Reform scheitert bislang an der Umsetzung

Für die Studie haben Dr. Peter Borusiak, Professor am Lehrstuhl für Pädiatrie an der UW/H, und Fleming Caje, Student der Humanmedizin der UW/H, Mitarbeitende aus Sozialpädiatrischen Zentren, Eltern sowie weitere Beteiligte des Versorgungssystems befragt. Das Ergebnis: Nicht die Reform selbst bremst die Versorgung aus, sondern ihre Umsetzung. Kommunikationsprobleme, bürokratische Hürden und unklare Zuständigkeiten verhinderten häufig, dass die gesetzlich vorgesehene Beschleunigung bei den Familien ankommt. „Die Versorgung darf nicht davon abhängen, wie hartnäckig Eltern für ihr Kind kämpfen können”, sagt Borusiak. „Hilfsmittel schaffen Teilhabe. Deshalb müssen sie dort ankommen, wo sie gebraucht werden – ohne monatelange Verfahren.”

Bessere Kommunikation statt neuer Regeln

Die Forschenden sehen die Ursachen nicht bei einem einzelnen Akteur. Vielmehr bremsten mehrere Probleme die Versorgung gleichzeitig: Verordnungen aus Sozialpädiatrischen Zentren sind für Krankenkassen oft nicht eindeutig erkennbar. Es herrsche vielfach Unsicherheit darüber, wie die neue gesetzliche Regelung in der Praxis anzuwenden sei. Hinzu kämen aufwendige Genehmigungsverfahren, fehlende Digitalisierung und personelle Engpässe in der Hilfsmittelversorgung. Auch die Zusammenarbeit zwischen Sozialpädiatrischen Zentren, Krankenkassen und weiteren Beteiligten verläuft den Forschenden zufolge vielerorts nicht reibungslos.

Daher empfehlen sie, Mitarbeitende der Krankenkassen flächendeckend über die neue Rechtslage zu informieren, Verordnungen aus Sozialpädiatrischen Zentren eindeutig zu kennzeichnen und feste Ansprechpersonen für die Hilfsmittelversorgung von Kindern und Jugendlichen einzurichten. Außerdem solle das Bundesgesundheitsministerium die gesetzliche Regelung weiter präzisieren, damit sie bundesweit einheitlich umgesetzt wird.


Originalpublikation:
Caje F et al. Hilfsmittelversorgung bei Kindern und Jugendlichen nach der Gesetzesänderung – eine Bestandsaufnahme. Bundesgesundheitsbl 2026;69:945–952. https://doi.org/10.1007/s00103-026-04264-0

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