Hörentwicklung bei Kindern – anders als gedacht

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Eine neue Studie der Oregon Health & Science University deutet erstmals darauf hin, dass die binaurale Tonhöhenfusion eine Art der zentralen Hörverarbeitung ist, die sich bei Kindern im Vorschulalter möglicherweise noch entwickelt.

Die binaurale Fusion steht im Zusammenhang mit dem „Cocktailparty-Effekt“, das heißt der Fähigkeit des Gehirns, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und einer einzelnen Person zuzuhören, aber andere Stimmen im Raum auszublenden. Personen, bei denen die binaurale Fusion gestört ist, können diese mehreren Stimmen nicht effektiv trennen. Ihre Fähigkeit, Sprache in lauten Umgebungen zu verstehen, kann daher einschränkt sein.

Mit einem besseren Verständnis, wie und wann sich diese Fähigkeit bei Kindern entwickelt, könnten Ärzte vielleicht wirksamere und praktischere Interventionen für eine von der Norm abweichende binaurale Fusion bei Kindern mit Hörverlust und auditiven Verarbeitungsstörungen entwickeln, so die Hoffnung der Autoren der aktuellen Studie.

„Was sehr überraschend war, ist, dass wir herausgefunden haben, dass sogar die Kinder mit typischem Gehör eine abnormale breite Fusion hatten, genau wie Erwachsene mit Hörverlust. Ihre Fusion wurde im Laufe der Zeit schärfer“, fasst Dr. Lina Reiss, Professorin für HNO-Heilkunde/Kopf-Hals-Chirurgie an der OHSU School of Medicine, die Studienergebnisse zusammen. Dies deute auf eine verlängerte Zeitspanne für die auditorische Entwicklung bei Kindern hin. „Das hat interessante wissenschaftliche und klinische Auswirkungen“, ergänzt Reiss. „Wir hoffen, dass dies zu wirksameren Maßnahmen zur Unterstützung der Entwicklung der Sprachwahrnehmung im Lärm bei Kindern beitragen wird.“

Das Hören verstehen, die Ergebnisse verbessern

Das Team um Reiss maß und verglich die Veränderungen der binauralen Tonhöhenverschmelzung bei Kindern unterschiedlichen Alters und Entwicklungsstadiums. Nach einer langfristigen Nachbeobachtung verglichen die Forschenden die Ergebnisse von Kindern mit normalem Gehör mit denen von Kindern mit Hörverlust sowie von Kindern mit verschiedenen Hörgerätesystemen, wie etwa einem Cochlea-Implantat.

Der Studie zufolge haben selbst Kinder mit normalem Hörvermögen, aufgrund der unreifen Entwicklung der binauralen Fusion, größere Schwierigkeiten bei der Sprachwahrnehmung in lauter Umgebung. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die binaurale Fusion im Alter von sechs bis 14 Jahren deutlich verstärkt. Das deute darauf hin, dass die binauralen Verbindungen noch reifen und wahrscheinlich durch die Hörerfahrung in der Kindheit gesteuert werden, so die Autoren in ihrer Studie.

Jennifer Fowler, Mitautorin der Studie, betonte, dass die Identifizierung von Maßnahmen zur Verbesserung der Sprach- und Geräuscherkennung selbst bei Kindern mit typischem Hörvermögen nachweislich wichtig für die Entwicklungsergebnisse ist – einschließlich der schulischen Leistungen. Sie schlägt Maßnahmen vor, die eine ruhigere Lernumgebung im Klassenzimmer schaffen, etwa Mikrofonsysteme in einem größeren Klassenzimmer. So könne sichergestellt werden, dass die Kinder über Hintergrundgeräusche hinweg und aus größerer Entfernung hören können, so Fowler. Sie ergänzt: „Es hat sich gezeigt, dass Musiktraining ein wirksames Mittel ist, um die binaurale Fusion zu schärfen, sodass es für die Patienten von Vorteil sein könnte, zu untersuchen, wie man eine Musikintervention für Kinder in einem klinischen Modell entwickeln kann“.