Hoffnung auf neue Therapien: DFG-Projekt soll gefährliche Erkältungsviren entschlüsseln

Darstellung Adenovirus. (Abbildung: Buka/stock.adobe.com)

Die Universität Witten/Herdecke koordiniert gemeinsam mit der Universität Freiburg eine neue Forschungsgruppe zu Adenoviren. Diese hat das Ziel, Infektionen besser zu verstehen und neue Impfstoffe und Behandlungsmöglichkeiten zu finden.

Adenoviren gehören zum Alltag. Sie verursachen Erkältungen, Augenentzündungen oder Magen-Darm-Infektionen. Für die meisten Menschen sind sie harmlos. Für Kinder oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem können die Infektionen jedoch schwer verlaufen – im Einzelfall sogar tödlich.

Trotzdem sind viele dieser Viren kaum erforscht: Von 116 bekannten Typen sei nur ein Bruchteil wissenschaftlich gut verstanden, heißt es in einer aktuellen Mitteilung der Universität Witten/Herdecke. Die neue Forschungsgruppe „AdBHealth“, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit rund 5,9 Millionen Euro, will diese Lücke schließen. Koordiniert wird sie von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) gemeinsam mit der Universität Freiburg.

„Wir stehen bei vielen Adenoviren noch ganz am Anfang. Wenn wir ihre Mechanismen besser verstehen, können wir nicht nur Infektionen gezielter behandeln, sondern auch völlig neue Therapien entwickeln“, erklärt Prof. Anja Ehrhardt, Inhaberin des Lehrstuhls für Virologie und Mikrobiologie an der UW/H.

Vom Virus zum Werkzeug: Wie Adenoviren in der Medizin genutzt werden

Adenoviren können aber mehr, als nur krank machen – sie sind auch ein wichtiges Werkzeug in der modernen Medizin. Forschende können sie so verändern, dass sie sich nicht mehr vermehren. In dieser Form dienen sie als Vektoren, um genetisches Material in Zellen einzuschleusen. Diese Technik steckt bereits in einigen Impfstoffen und spielt eine zentrale Rolle bei neuen Ansätzen der Krebs- und Gentherapie. Bekannt wurde sie unter anderem in der COVID-19-Pandemie.

Das Potenzial dieser Anwendungen ist groß – zugleich sind sie nicht frei von Risiken: In seltenen Fällen können bei der Nutzung von Adenoviren als Vektoren Nebenwirkungen auftreten. Welche Mechanismen dahinterstecken, ist bislang noch nicht vollständig verstanden. Genau hier setzt die Forschung an. Die Arbeitsgruppe untersucht systematisch, wie Adenoviren im Körper wirken und wie sich ihr Einsatz gezielt weiterentwickeln und sicherer machen lässt. „Unser Ziel ist es, die Balance zu verbessern: maximale Wirkung bei minimalem Risiko“, sagt Ehrhardt.

Konkrete Perspektiven für Patienten

Die Erwartungen an die Forschung sind hoch: So könnten erstmals gezielte Medikamente gegen Adenoviren entwickelt werden – bislang gibt es für die von ihnen verursachten Erkrankungen wie Atemwegsinfektionen, Bindehautentzündungen oder Magen-Darm-Infekte keine spezifische antivirale Standardtherapie; behandelt wird in der Regel nur symptomatisch.

Auch in der Krebsmedizin und bei genetischen Erkrankungen eröffnen sich neue Perspektiven. Therapien könnten individueller zugeschnitten und verträglicher werden. Langfristig sind sogar Behandlungen denkbar, die mit einer einzigen Anwendung auskommen, weil die eingeschleusten genetischen Informationen dauerhaft im Körper wirksam bleiben könnten – mit dem Effekt, dass eine Immunität entsteht.

Eine erneute Anwendung desselben Vektors wäre dann allerdings nicht möglich, da das Immunsystem ihn nach der ersten Gabe erkennt und schnell neutralisiert. „Wenn es uns gelingt, Adenoviren präzise zu steuern, können wir Infektionen besser kontrollieren und gleichzeitig neue Wege in der personalisierten Medizin eröffnen“, erklärt Ehrhardt.

Insgesamt zwölf Teilprojekte bilden „AdBHealth“

Die Forschungsgruppe „AdBHealth“ ist ein Verbundprojekt mit insgesamt zwölf Teilprojekten an Standorten in Deutschland sowie einem Partner in Bordeaux. Neben der Universität Witten/Herdecke und der Universität Freiburg sind auch die Universitäten Greifswald, Leipzig, Lübeck und Duisburg-Essen beteiligt, ebenso Einrichtungen wie das Centre for Structural Systems Biology (CSSB) in Hamburg und die Medizinische Hochschule Hannover. Neben zwölf Teilprojekten umfasst der Verbund ein zentrales Projekt sowie ein Koordinierungsprojekt, die die Zusammenarbeit der beteiligten Standorte steuern.