Hungern für mehr Likes

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Die Nutzung sozialer Medien löst bei Jugendlichen häufig Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild aus und erhöht das Risiko, ein problematisches Essverhalten zu entwickeln. Das belegen neue Studien. Umgekehrt reduzieren sich Essstörungssymptome bei Studierenden signifikant, wenn sie eine Woche auf die Social-Media-Nutzung verzichten. 

Längsschnittdaten aus zahlreichen Studien belegen, dass eine längere und intensivere Nutzung sozialer Medien mit Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen bei jungen Nutzerinnen und Nutzern einhergeht, insbesondere mit einem negativeren Körperbild und problematischem Essverhalten.1 „Dabei spielt vor allem die Nutzung visueller Inhalte wie Fotos und Videos eine Rolle, und es sind vor allem Vergleichsprozesse, die einen Einfluss auf das Körperbild haben“, erklärt Prof. Katrin Giel von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

Dies bestätigt auch eine aktuelle australische Studie, in der Social Media bei gesunden Jugendlichen mit Körperbildsorgen verbunden waren.2 „Hier zeigte sich: Die Wichtigkeit, die ‚likes‘ auf Social Media zugemessen wurde, war mit einem restriktiven Essverhalten und größerer Körperunzufriedenheit verknüpft“, erläutert die Tübinger Forschungsleiterin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Umgekehrt bestätigt eine aktuelle experimentelle Studie, dass sich Essstörungssymptome bei Studierenden signifikant reduzieren, wenn sie eine Woche auf eine Social-Media-Nutzung verzichteten.3

Diese Ergebnisse legen einen möglichen Weg nahe, wie problematisches Essverhalten im Zusammenspiel mit TikTok & Co entsteht. „Junge Menschen, denen es sehr wichtig ist, auf Social Media positive Rückmeldungen zu erhalten, scheinen einem höheren Risiko zu unterliegen, aktiv ihr Essverhalten zu verändern, um ihre Beliebtheit zu sichern oder zu steigern“, erläutert Giel. Dabei müsse man berücksichtigen, dass sich dieses Verhalten in einem verletzlichen Alter abspielt, der Adoleszenz. „Für viele Jungen und Mädchen ist diese Zeit mit Selbstwertthemen und -problemen assoziiert, sie entwickeln ihre eigene Persönlichkeit, wollen ihren Platz im Leben finden und suchen dabei Orientierung“, so Giel. Das Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören, sich dort stark zu fühlen und akzeptiert zu werden, findet auf Social-Media-Kanälen einen Resonanzraum. „Der eigene Körper kann dabei ein Vehikel sein, einer solchen Gruppe anzugehören, indem man Körperidealen nacheifert“, meint die Psychologin.

Nimmt das Essverhalten bedenkliche Formen an, kann zum einen die Abstinenz von Social-Media-Plattformen eine Normalisierung bewirken. Aber auch die Vermittlung von Medienkompetenz bei Jugendlichen beider Geschlechter ist wirksam, um Risikofaktoren für Essstörungen zu reduzieren, insbesondere Körperunzufriedenheit und Diätverhalten.4 „Wesentliche Inhalte solcher Präventionsansätze umfassen die Reflexion des eigenen Nutzungsverhaltens, das Thematisieren digitaler Bewertungsmechanismen, kritisches Hinterfragen transportierter Körperideale und die Aufklärung über das Zustandekommen von Inhalten etwa durch die Nutzung von Bildbearbeitungsprogrammen oder finanzielle Interessen von Influencern“, erläutert Giel.