Innere Uhr beeinflusst Nebenwirkungen der Strahlentherapie bei Prostatakrebs

Erstautor Adam Webb von der Abteilung für Genetik und Genombiologie der Fakultät für Lebenswissenschaften an der Universität Leicester (Vereinigtes Königreich). Foto: University of Leicester

Forschende der University of Leicester (Vereinigtes Königreich) haben herausgefunden, dass das genetische Profil eines Patienten und der Zeitpunkt der Strahlentherapie zusammen das Risiko für langfristige Nebenwirkungen bei der Behandlung von Prostatakrebs beeinflussen können.

Die in der Fachzeitschrift „Clinical Cancer Research“ veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine einfache Anpassung des Behandlungszeitplans – basierend auf dem genetischen Profil des Patienten – dazu beitragen könnte, Komplikationen wie Harninkontinenz und Rektalblutungen zu verringern, ohne die Wirksamkeit der Krebsbehandlung zu beeinträchtigen.

Laut den publizierten Daten hängen die Nebenwirkungen nicht nur von der Art der Behandlung ab, sondern auch von häufigen genetischen Variationen im Gen PER3 – einem Gen, das an der Regulierung des zirkadianen Rhythmus  beteiligt ist – sowie vom Zeitpunkt der Strahlentherapie.

Ein Gen für die innere Uhr

Die Arbeit der Leicester-Forscher, die in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern entstand, ist Teil der REQUITE-Studie – einer der weltweit größten prospektiven Kohortenstudien zu Nebenwirkungen einer Strahlentherapie. Mithilfe fortschrittlicher statistischer Modelle verknüpfte das Team genetische Informationen, detaillierte Aufzeichnungen zu den Zeitpunkten der Strahlentherapie sowie Daten aus einer zweijährigen Nachbeobachtungsphase zu behandlungsbedingten Nebenwirkungen. Dabei zeigte sich, dass Patienten mit unterschiedlichen DNA-Varianten im PER3-Gen – je nach Tageszeit der Bestrahlung – ein jeweils anderes Risiko für bestimmte Nebenwirkungen aufwiesen.

Der Hauptautor Dr. Adam Webb vom Fachbereich Genetik und Genombiologie der University of Leicester erklärt: „Bei einigen Patientengruppen waren die Unterschiede bemerkenswert.“ „Wir haben prognostiziert, dass Männer mit einem bestimmten PER3-Genotyp ihr Risiko für Harninkontinenz von 15 % auf 5 % senken könnten, wenn sie eine Bestrahlung um die Mittagszeit vermeiden. Andere Gruppen hingegen waren vom Zeitpunkt der Behandlung entweder nicht betroffen oder profitierten sogar am meisten von einer Bestrahlung um die Mittagszeit. Ein ähnliches Phänomen beobachteten wir beim Risiko für rektale Blutungen: Bei einer bestimmten Patientengruppe ließ sich dieses Risiko von etwa 11 % auf 5 % senken – allein dadurch, dass die Strahlentherapie zu einem späteren Zeitpunkt am Tag durchgeführt wurde.“

Diese Erkenntnisse bauen auf früheren Arbeiten des Teams zum Thema Brustkrebs auf, bei denen bereits ähnliche Zusammenhänge zwischen Genen des zirkadianen Rhythmus, dem Zeitpunkt der Behandlung und der Toxizität einer Strahlentherapie festgestellt wurden. Prof. Chris Talbot, der das Forschungsteam in Leicester leitete, kommentiert: „Dass wir bei zwei verschiedenen Krebsarten vergleichbare Ergebnisse sehen, stärkt die Annahme, dass die innere Uhr des Körpers eine wichtige Rolle dabei spielt, wie gesundes Gewebe auf Bestrahlung reagiert.“

Auf dem Weg zur Chrono-Strahlentherapie?

Nach Talbots Überzeugung eröffnet der entdeckte Zusammengang die Möglichkeit einer genetisch gesteuerten Chrono-Strahlentherapie. Dabei wird der Zeitpunkt der Behandlung individuell auf das genetische Profil und die biologische Uhr des jeweiligen Patienten abgestimmt.

„Im Gegensatz zu vielen anderen Ansätzen der Präzisionsmedizin sind hierfür weder teure neue Medikamente oder Technologien noch grundlegende Änderungen an der Durchführung der Strahlentherapie erforderlich“, erklärt Talbot. „Stattdessen ließe sich das Konzept umsetzen, indem man die Behandlungstermine so legt, dass das Risiko für schädliche Nebenwirkungen für den jeweiligen Patienten möglichst gering ist.“

Die Forscher betonen, dass weitere Validierungsstudien und klinische Prüfungen erforderlich sind, bevor Behandlungspläne routinemäßig angepasst werden können. Die Ergebnisse liefern ihrer Auffassung nach aber einen Beleg dafür, dass der Zeitpunkt einer Behandlung mithilfe genetischer Informationen personalisiert werden kann.

In Zukunft könnten sich Patienten dann vor Beginn einer Strahlentherapie einem Gentest unterziehen. Auf Basis dieser Informationen könnten Ärzte den optimalen Behandlungszeitpunkt empfehlen, um Nebenwirkungen zu minimieren, während die Wirksamkeit der Krebsbehandlung erhalten bleibt.

Prof. Paul Symonds, emeritierter Professor für klinische Onkologie in Leicester, fügt hinzu: „Da die Überlebensraten bei Prostatakrebs stetig steigen, gewinnt die Verringerung langfristiger Behandlungsfolgen zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklung könnte die klinische Praxis verändern, denn selbst eine moderate Senkung der Nebenwirkungsraten würde die Lebensqualität von jährlich Tausenden von Krebsüberlebenden verbessern.“

(ms/BIERMANN)

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