ESC 2026 Ist die routinemäßige Implantation von Defibrillatoren nach Herzinfarkt noch zeitgemäß?10. September 2026 Das DHZC-Forscherteam beim ESC-Kongress in München (v. l.): Toshinori Chiba, Nikolaos Dagres, Gerhard Hindricks und Alireza Sepehri Shamloo. (Foto: ©DHZC) Europäische Leitlinien empfehlen für Patienten mit HFrEF nach einem Herzinfarkt den Einsatz eines ICDs zur Prävention des Plötzlichen Herztods. Eine neue Analyse stellt das infrage: In den jüngsten ausgewerteten Patientendaten war damit kein Überlebensvorteil mehr nachweisbar. Nach einem Herzinfarkt sind Patientinnen und Patienten besonders gefährdet für einen plötzlichen Herztod (SCD). Zur SCD-Prävention sehen die europäischen Herzinsuffizienz-Leitlinien für jene Herzinfarkt-Patienten mit symptomatischer Herzinsuffizienz und reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (HFrEF; LVEF ≤35 %) daher die vorbeugende Implantation eines Kardioverter-Defibrillators (ICD) vor (Klasse-I-Empfehlung; Evidenzgrad A). Die maßgeblichen Studien, auf denen diese Empfehlung basiert, liegen allerdings mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Seit dem haben sich die zur Verfügung stehenden Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten deutlich erweitert. Ob Patienten nach einem Herzinfarkt auch heute noch in gleichem Maße von einem vorbeugend implantierten ICD profitieren, untersuchten nun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Gerhard Hindricks und Prof. Nikolaos Dagres vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) in dem internationalen Forschungsprojekt PROFID. Eine neue Subanalyse des Projekt stellte das Team auf dem Kongress der European Society of Cardiology (ESC 2026) in München vor, die parallele Veröffentlichung der Studienergebnisse erfolgte im „European Heart Journal“. Vergleich der Mortalität bei HFrEF-Patienten mit und ohne ICD PROFID baut auf den Individualdaten von mehr als 140.000 Patientinnen und Patienten nach einem Herzinfarkt aus 20 internationalen Datensätzen auf. Die 2024 veröffentlichte Hauptanalyse dieses Datenpools zeigte, dass sich das individuelle Risiko für einen plötzlichen Herztod nicht zuverlässig vorhersagen lässt. Für die nun publizierte Subgruppenanalyse konzentrierten sich die Forschenden gezielt auf die Daten von 32.214 Patienten mit deutlich eingeschränkter Pumpfunktion. Unter diesen diesen verglichen sie die Gesamtsterblichkeit bei Patient:innen mit und ohne ICD über einen Zeitraum von 25 Jahren. Abhängig vom Zeitraum, aus dem ihre Daten stammten, wurden die Patientendaten drei Untersuchungsperioden zugeordnet (1995 – 2004; 2005 – 2014 und 2015 – 2020). Ergebnis stellt bisherige Behandlungspraxis infrage Die Forschenden gelangten zu einem klaren Ergebnis: Der Überlebensvorteil durch einen ICD wurde über die vergangenen zwei Jahrzehnte immer kleiner und war in der zuletzt untersuchten Patientengruppe nicht mehr nachweisbar. So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Beginn des Untersuchungszeitraums noch eine deutlich geringere Sterblichkeit bei Patienten mit ICD feststellen. Dieser Überlebensvorteil blieb über viele Jahre stabil. In der jüngsten Untersuchungsperiode von 2015 bis 2020 ließ sich dieser Zusammenhang statistisch jedoch nicht mehr belegen. In der Analyse wurden zwar nicht explizit die Ursachen für diesen Effekt untersucht. Nach Ansicht der Studienautoren könnte eine mögliche Erklärung aber darin liegen, dass sich die Behandlung von Herzinfarkt-Patienten in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert habe. So würden wirksamere Medikamente und Fortschritte bei der kathetergestützten Behandlung verengter oder verschlossener Herzkranzgefäße heute dazu beitragen, die Prognose zu verbessern. Außerdem entstünden durch die Fortschritte in der Behandlung von Herzinfarkten heute möglicherweise weniger schwere Herzschäden, die zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen können. Differenzierte Patientenauswahl für ICD „Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass der Einsatz eines ICD bei Herzinfarkt-Patient:innen mit stark eingeschränkter Pumpfunktion grundsätzlich keinen Nutzen mehr hat. Sie zeigen vielmehr, dass die aktuelle Strategie, diesen Patient:innen vorsorglich einen Defibrillator einzusetzen, keine Pauschallösung sein kann. Jeder Fall muss differenziert betrachtet werden“, hebt der PROFID-Leiter Hindricks hervor. Hindricks ist kommissarischer Direktor der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Charité Mitte. Die Forschenden ziehen aus ihrer Analyse klare Schlüsse für die Risikostratifizierung. „Die Therapieplanung muss künftig personalisierter werden. Wir brauchen individuelle Ansätze, um fundiert entscheiden zu können, welchen Herzinfarkt-Patient:innen ein ICD wirklich nützt“, sagt Dr. Alireza Sepehri Shamloo, Co-Erstautor der Subanalyse und Forscher an der DHZC-Klinik für Kardiologie Mitte. Toshinori Chiba, Co-Erstautor und Forscher am DHZC, ergänzt: „Das Kriterium der LVEF zur Beurteilung der Pumpfunktion allein reicht nicht aus, um das individuelle Risiko für den plötzlichen Herztod verlässlich bestimmen zu können. Zur Beurteilung müssen viele weitere Faktoren mit berücksichtigt werden.“ PROFID EHRA: Randomisierter Vergleich in laufender Studie Derzeit führt die PROFID-Projektgruppe bereits eine randomisierte klinische Studie durch, „um präzise feststellen zu können, welche Herzinfarkt-Patient:innen tatsächlich von einem Defibrillator profitieren und bei welchen Patient:innen eine medikamentöse Therapie ausreicht“, erläutert Studienletztautor Dagres, Leitender Oberarzt an der DHZC-Klinik für Kardiologie Mitte. Deren Ergebnisse könnten die Behandlung von Patient:innen nach einem Herzinfarkt künftig maßgeblich verändern, meint Dagres. In der randomisierten Nichtunterlegenheitsstudie PROFID EHRA sollen rund 3600 Patientinnen und Patienten mit HFrEF nach einem Herzinfarkt aus 180 Kliniken in 13 Ländern untersucht werden. Dabei wird verglichen, ob die alleinige optimale medikamentöse Therapie hinsichtlich der Gesamtsterblichkeit einer Behandlung mit Medikamenten und zusätzlichem ICD nicht unterlegen ist. Mit dem Forschungsprojekt wollen die Forschenden dazu beitragen, dass ICDs in Zukunft gezielt nur jenen Patienten implantiert werden, die tatsächlich einen Nutzen davon haben. So sollen unnötige Eingriffe vermieden und gleichzeitig die Sicherheit der Betroffenen verbessert werden. Das könnte Sie zum Thema plötzlicher Herztod ebenfalls interessieren: ICD bei nicht ischämischer HFrEF: Langzeitdaten der DANISH-Studie Empfehlung zur postmortalen Blutprobe bei plötzlichem Herztod
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