Liquordiagnostik erlaubt frühzeitige Differenzialdiagnose25. Mai 2021 Foto: ©Michal Jarmoluk – Pixabay Eine Arbeitsgruppe aus Münster hat Biomarker-Signaturen im Liquor identifiziert, die zukünftig zur sicheren Diagnose neuroinflammatorischer Erkrankungen herangezogen werden können – und eine frühzeitige Einleitung der spezifischen Therapie erlauben. Die bekannteste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems ist die Multiple Sklerose (MS), doch oft ist es schwierig, sie anhand klinischer Parameter frühzeitig von anderen entzündlichen Erkrankungen wie der Neuromyelitis optica, von Autoimmunenzephalitiden oder seltenen neuroinflammatorischen Erkrankungen wie dem Susac-Syndrom abzugrenzen. „Eine solche Differenzialdiagnose ist aber entscheidend, um frühzeitig die richtige Therapie einleiten zu können und so die Prognose der Patienten bestmöglich zu beeinflussen“, erklärt Prof. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie Münster. Verschiedene Arbeiten der vergangenen Jahre zeigen, dass die Frühtherapie bei MS Einfluss auf die spätere Behinderung beziehungsweise die längerfristige Prognose hat.1 Entscheidende Bedeutung kommt aber auch der Frage zu, inwieweit es sich überhaupt um eine entzündliche Erkrankung mit Behandlungsnotwendigkeit handelt, eine Konstellation, die bei häufig durchgeführter MRT-Bildgebung und damit oft gefundenen „weißen Flecken im Gehirn“ ein ständiges Problem darstellt. Eine Studiengruppe des DFG-Sonderforschungsbereichs „Multiple Sklerose“ (SFB TR128) in Münster unter Wiendl identifizierte nunBiomarker-Konstellationen im Nervenwasser, die die verschiedenen Erkrankungen gut voneinander abgrenzen lassen und die ohne sonstige zusätzliche diagnostische Maßnahmen eine hohe Sensitivität und Spezifität haben.2 Insgesamt hatten die WissenschaftlerInnen Proben von 777 PatientInnen mittels Durchflusszytometrie analysiert. Ein selbstlernendes System identifizierte zum einen Veränderungen, die typisch für Entzündungskrankheiten des zentralen Nervensystems sind, und zum anderen auch erkrankungsspezifische Veränderungen, die eine Differenzialdiagnose erlauben. Beispielsweise zeigte sich, dass der gleichzeitige Nachweis von Plasmazellen im Nervenwasser und einer intrathekalen IgG-Synthese mit einer 82- bis 91-prozentigen Sicherheit eine schubförmige MS diagnostizieren und von einer Neuromyelitis optica oder einem Susac-Syndrom sicher abgrenzen kann, ohne dass weitere, beispielsweise auch klinische Parameter hinzugezogen werden müssten. Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN, kommentiert dieses Ergebnis folgendermaßen: „Die Arbeit hat deutlich gemacht, welches Potenzial die Liquordiagnostik für die frühe und spezifische Befundung von neurologischen Krankheiten hat. Zuverlässiger als bildgebende Verfahren konnten hier Biomarker-Konstellationen im Nervenwasser identifiziert werden, die wesentlich zur Differenzialdiagnose von Entzündungskrankheiten des zentralen Nervensystems beitragen und damit die frühzeitige Einleitung der Therapie erlauben. Medizinischer Fortschritt wird oft nur mit der Entwicklung neuer Medikamente gleichgesetzt, doch ebenso wichtig ist die Entwicklung und Ausreifung von diagnostischen Tools, um eine möglichst zielgerichtete und damit effektive Behandlung gewährleisten zu können.“ Originalpublikationen:1. Baroncini D et al. Risk of Persistent Disability in Patients With Pediatric-Onset Multiple Sclerosis. JAMA Neurol, 3. Mai 20211. 2. Gross CC et al. Classification of neurological diseases using multi-dimensional cerebrospinal fluid analysis. Brain 2021;Apr 12:awab147. doi: 10.1093/brain/awab147.
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