Longevity beginnt im Kopf

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Longevity setzt oft auf Supplements, Tracker und Kältebäder, dabei spielen unter anderem auch gute Beziehungen eine wichtige Rolle. Warum die Psyche für gesundes Altern so wichtig ist und was sich im Alltag umsetzen lässt, erklärt die klinische Gesundheitspsychologin Kerstin Schuller.

Möglichst lange leben und bis zum Ende gesund bleiben: Dieser Wunsch ist längst im Mainstream angekommen. Netflix-Dokus über „Blue Zones“-Regionen mit besonders vielen gesunden Hundertjährigen haben das Thema populär gemacht, der Selbstoptimierungsansatz „Project Blueprint“ des US-Unternehmers Bryan Johnson treibt es weiter voran. Nur: Fast alle diese Ansätze setzen beim Körper an – bei Blutwerten, Protokollen, Supplements. Die Psyche bleibt dabei oft außen vor. Zu Unrecht, sagt die klinische Gesundheitspsychologin Mag. Kerstin
Schuller.

Was fehlt in der Longevity-Debatte, die sich fast nur um den Körper dreht?

Schuller: „Die Psyche. Sie spielt eine große Rolle und wird trotzdem oft übersehen. Viele Ansätze drehen sich um Blutwerte, Tracker und Protokolle, und die haben durchaus ihren Wert. Aber wie wir mit Stress umgehen, wie tragfähig unsere Beziehungen sind und wie wir aufs Älterwerden blicken, beeinflusst unsere Gesundheit nachweislich. Und wer sich ständig optimieren will, macht sich damit oft selbst Druck. Den brauchen wir für ein langes, gesundes Leben am allerwenigsten.“

Wie gut ist der Zusammenhang zwischen Beziehungen und Gesundheit belegt?

Schuller: „Sehr gut. Die Harvard Study of Adult Development begleitet seit 1938 Menschen durch ihr Leben, und das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Die Qualität unserer Beziehungen gehört zu den stärksten Faktoren für Gesundheit und Wohlbefinden im Alter. Eine Meta-Analyse mit mehr als 300.000 Personen kam außerdem auf eine um rund 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bei guter sozialer Einbindung. Dabei zählt nicht die Zahl der Kontakte, sondern ob es Menschen gibt, auf die man sich wirklich verlassen kann.“

Verkürzt Stress automatisch das Leben?

Schuller: „Ich würde nicht sagen, Stress an sich, sondern Stress ohne echte Erholung. Eine Belastung kann uns sogar stärken, wenn danach eine Phase der Regeneration folgt. Kritisch wird es, wenn der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird. Erholung muss man sich deshalb
nicht erst verdienen, sie ist Teil der Vorsorge.“

Gibt es einen Forschungsbefund, der auch Sie als Expertin immer wieder überrascht?

Schuller: “Dass unsere Einstellung zum Älterwerden Lebenszeit beeinflusst. In einer viel zitierten US-Langzeitstudie lebten Menschen mit einem positiven Altersbild im Schnitt gut sieben Jahre länger als Menschen mit einem negativen. Vermutlich hängt das auch mit dem Verhalten zusammen: Wer das Alter vor allem als Verlust erlebt, zieht sich eher zurück und sucht seltener Unterstützung. Wie wir übers Älterwerden denken, ist also keine Nebensache.”

Zum Schluss ganz praktisch: Was kann man ab morgen tun?

Schuller: „Drei Dinge:

  • 1. Beziehungen aktiv pflegen. Ein fixer Termin pro Woche, ein Anruf statt einer Nachricht, ein gemeinsames Essen. Regelmäßigkeit zählt mehr als großer Aufwand.
  •  2. Erholung fix einplanen. Pausen und Schlaf wie Termine behandeln, nicht als das, was übrig bleibt.
  • 3. Früh hinschauen. Schlafprobleme, Gereiztheit oder Rückzug sind Signale. Wer sie ernst nimmt und sich früh Unterstützung holt, muss nicht auf die Krise warten. Mentale Gesundheit gehört zur Vorsorge wie Bewegung oder Ernährung.“