MCC 2026: „Medizinisches Cannabis ist mehr als ein Analgetikum“

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Der 7. Medicinal Cannabis Congress steht unter dem Motto „Resilienz und psychische Stabilität – ein ganzheitlicher Ansatz“. Im Interview spricht Kongresspräsident Prof. Thomas Herdegen über den Stellenwert von Medizinalcannabis in der klinischen Praxis, aktuelle gesundheitspolitische Entwicklungen sowie Herausforderungen in Verordnung und Versorgung.

Herr Prof. Herdegen, medizinisches Cannabis ist in Deutschland seit 2017 verschreibungsfähig. Wie hat sich dessen Rolle seitdem entwickelt – und wo liegen heute die wichtigsten Einsatzgebiete?

Herdegen: Die Entwicklung ist erstaunlich positiv. Die steigenden Verordnungszahlen zeigen, dass die Akzeptanz in der Ärzteschaft deutlich zugenommen hat. Während medizinisches Cannabis zunächst vor allem in der Schmerzmedizin und Neuro­logie eingesetzt wurde, spielt es heute auch in der Allgemeinmedizin, Onkologie und Pallia­tivmedizin eine Rolle.

Die bislang wichtigsten Einsatzgebiete sind die chronischen Schmerzen, aber auch die Begleitstörungen im Rahmen von chronischen Erkrankungen außerhalb von Schmerzen wie Schlaflosigkeit, depressive Verstimmungen, Angststörungen, muskuläre Verspannungen und Appetitlosigkeit. Die Behandlung dieser Syndromlast ist im Grunde genommen das Haupt­einsatzgebiet von Medizinalcannabis. Da es keine ähnlichen pharmakotherapeu­tischen Alter­nativen gibt, hat Medizinalcannabis ein Alleinstellungsmerkmal.

In welchen Indikationen ist die Evidenz am belastbarsten – und wo bestehen Lücken?

Herdegen: Die beste Evidenz haben wir in der Schmerzmedizin, ins­besondere bei neuropathischen Schmerzen. Eine neue großangelegte randomisierte Doppelblind­studie zu THC-Extrakten bei chronischem Rückenschmerz zeigt eine Wirksamkeit auf Augenhöhe mit etablierten Analgetika wie Opioiden – bei gleichzeitig sehr guter Verträglichkeit. Lücken bestehen vor allem im Bereich psychischer Symptome wie Angst oder affektiver Störungen. Hier fehlen zwar große kon­trollierte Studien, allerdings zeigen Beobachtungs­studien konsistent Verbesserungen. Wahrscheinlich trägt gerade die Reduktion dieser Begleitsymptome indirekt zur Schmerzreduktion bei.

Warum gibt es bislang so wenige große randomisierte Studien?

Herdegen: Ein zentrales Problem ist die fehlende Patentierbarkeit. Pflanzliche Substanzen lassen sich schwer exklusiv vermarkten, wodurch die Finanzierung großer Studien erschwert wird. Hinzu kommen methodische Herausforderungen, etwa bei der Verblindung: Geschmack und Wirkung von Cannabis sind schwer zu maskieren, und die Erwartungshaltung der Patienten führt zu hohen Placebo­effekten. In manchen Fachgebieten – etwa der Psychiatrie – besteht zudem Zurückhaltung, da ­etablierte Therapien vorhanden sind.

Sehen Sie in der Praxis Hürden bei der Verordnung?

Herdegen: Eigentlich gibt es keine echten strukturellen Hürden. Die oft befürchteten Regressforderungen sind bislang nicht Realität geworden. Bei guter Indikationsstellung lässt sich Cannabis verordnen. Die größte Einschränkung ist eher pragmatisch: der Preis. Außerdem empfinden viele Ärzte die Vielzahl an verfügbaren Extrakten als unübersichtlich.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Versorgungssituation?

Herdegen: Die Patientenversorgung ist im Grunde gut. Es gibt zwar Apotheken, denen der Aufwand zu hoch ist – etwa wegen zusätzlicher Anforderungen an Personal und Labor­kapazitäten. Gleichzeitig haben sich aber spezialisierte An­bieter etabliert, darunter auch Versand­apotheken. Insofern sehe ich hier keine echten strukturellen Hürden.

Die größere Herausforderung liegt eher in der Unübersichtlichkeit der verfügbaren Präparate. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Extrakte, was viele Ärzte abschreckt. Bis man sich hier sicher orientieren kann, erscheint der Einstieg komplex. Das ist aber keine systematische Barriere. Grundsätzlich befinden wir uns in einer guten Ausgangslage, die wir noch nicht vollständig nutzen. Viele Kollegen sind weiterhin zurückhaltend und zögern bei der Verordnung. Auch hat die öffentliche Debatte rund um die Legalisierung dem medizinischen Einsatz zuletzt etwas an Rückenwind genommen – eine gewisse Verunsicherung ist spürbar.

Wie bewerten Sie dahingehend aktuel­le gesundheitspolitische Diskussionen über Einschränkungen? Bundesgesundheitsministerin Nina Warken plant eine Verschärfung des Medizinal-Cannabisgesetzes. Und die Finanzkommission Gesundheit hat vorgeschlagen, Cannabisblüten aus dem Leistungskatalog zu streichen.

Herdegen: Das medizinische Cannabis so wie wir es verstehen, also die oralen Extrakte, werden nicht grundsätzlich infrage gestellt. Für eine generelle Verschärfung der Rege­lungen zu Medizinalcannabis gibt es denn auch keinen Anlass. Auch eine Rückstufung unter das Betäubungsmittelrecht ist nicht mehr angedacht und medizinisch nicht gerechtfertigt.

Das bestehende System zur Erstattung von oralem Medizinalcannabis funktioniert recht gut, auch wenn es noch Verbes­serungspotenzial gibt. Gestützt wird die Position des Medizinalcannabis durch die Markt­einführung des ­ersten THC-Fertig­arzneimittel-Extraktes Ende August 2026. Damit ist die Verordnung von Extrakt-THC auf einer Stufe mit allen anderen rezeptpflichtigen Arzneistoffen. Andererseits sind Maßnahmen gegen Missbrauch, insbesondere im Bereich der Telemedizin notwendig. Kritisch zu sehen ist die unkontrollierte Verordnung von Blüten, bei der nicht immer klar zwischen medizi­nischer Anwendung und Freizeitgebrauch getrennt wird.

Man muss sich immer klar machen: Orale, niedrig dosierte THC-Präparate unterscheiden sich grundlegend von inhalierten Blüten. In der oralen Form ist medizinisches Cannabis sehr gut verträglich, nicht organtoxisch und gehört zu den sichereren neuropsychopharmakologischen Optionen. Es stellt eine wichtige Alternative zu Opioiden dar. Einen Missbrauch von diesen oralen Präparaten, zumal unter ärztlicher Begleitung, sehen wir praktisch nicht. Diese Unterschiede sollten sich aus meiner Sicht stärker in der öffentlichen ­Diskussion um das medizinische Cannabis widerspiegeln.

Warum braucht es einen eigenen ­Kongress für Medizinalcannabis?

Herdegen: Medizinisches Cannabis ist komplex – sowohl pharmako­logisch als auch in der Anwendung. Bisher findet es auf großen Kongressen kaum statt. Der MCC schafft erstmals eine eigenständige, wissenschaftlich fundierte Plattform. Der Anspruch ist klar: ein klinisch-akademischer Kongress von Ärzten für Ärzte, mit Apothekern für Apotheker und für die Patienten. Dieser Kongress deckt die gesamte Bandbreite der Anwendung ab und fördert auch den Austausch zwischen Praxis, Forschung und Industrie. Schließlich dient er der Selbst­vergewisserung, dass der Einsatz von Medizinalcannabis eine notwendige und sinnvolle Option für viele ­Medical Needs ist.

Welche Schwerpunkte setzen Sie beim diesjährigen Kongress?

Herdegen: Ein zentrales Thema sind Resilienz und psychische Stabilität. Dabei geht es um die Frage, wie Cannabis zur Verbesserung von Schlaf, Stimmung und Angst bei­tragen kann. Auch blicken wir auf neue Einsichten in der Wirkung von Medi­zinalcannabis, wobei wir hoffen, von anderen Ansätzen zur Stärkung der Resilienz zu profitieren, etwa von Psilocybin. Daher auch Vorträge zu diesem Thema. Zukunftweisend sind auch die Diskussionen zum Einsatz in der Palliativmedizin und Geria­trie, Stichwort Demenz.

Welche Impulse erwarten Sie ins­besondere für die Schmerzmedizin?

Herdegen: Ein entscheidender Punkt ist das Verständnis, dass Cannabis nicht nur als Analgetikum wirkt. Es entfaltet seine Stärke auch in der Behandlung chronifizierter Schmerzen, indem es mehrere Dimensionen gleichzeitig be­einflusst – Schlaf, Stimmung, Muskel­spannung. Das Ziel ist nicht immer eine vollständige Schmerzreduktion, sondern eine veränderte Wahrnehmung: Der Schmerz ist noch da, wird aber als weniger belastend empfunden. Gleichzeitig kann ­Cannabis helfen, die Dosis von ­Opioiden zu reduzieren und Nebenwirkungen zu vermeiden.

Was sollten Teilnehmende für ihre Praxis mitnehmen?

Herdegen: Medizinalcannabis ist kein Allheilmittel, aber eine sinnvolle Ergänzung bestehender Therapien – man kann es fast als „multimodales Pharmakon“ verstehen. Wichtig ist, die Scheu vor der Verordnung zu verlieren. Wer die Indikationen kennt und sorgfältig auswählt, kann so sichere und wirksame Therapie­versuche durchführen – ohne Angst vor Regress oder Komplikationen.

Das Interview führte Dr. Aileen Hochhäuser.


Über den Kongresspräsidenten

Prof. Thomas Herdegen ist Professor für Pharmakologie und stellvertretender Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Kiel. Außerdem ist er seit 2002 Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie.