Mehr ältere Verletzte, weniger Fachkräfte: Unfallchirurgie steht vor großen Herausforderungen

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DGOU und DGU weisen auf eine neue Studie zur Traumaversorgung in Deutschland hin. Diese zeige, dass bis 2030 deutlich mehr ältere Menschen nach Unfällen behandelt werden müssen, während gleichzeitig Fachkräfte knapper werden.

Schon heute entscheidet eine schnelle und qualifizierte Versorgung von Knochenbrüchen bei älteren Menschen darüber, ob Betroffene wieder mobil werden, dauerhaft eingeschränkt bleiben oder überhaupt überleben, konstatieren die Fachgesellschaften. Die Frage se jedoch wie diese medizinische Betreuung auch künftig für alle sichergestellt werden kann?

„Uns rollt eine Welle an Knochenbrüchen und Verletzungen entgegen, die von immer weniger Ärztinnen und Ärzten behandelt werden müssen. Damit wir auch künftig alle Patienten schnell und gut versorgen können, müssen wir die Strukturen der Traumaversorgung jetzt anpassen“, sagt Prof. Frank Hildebrand, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Präsident Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).

Die Studie zu diesem Thema ist in der aktuellen Ausgabe von „Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten“ (OUMN) sowie im European Journal of Trauma and Emergency Surgery erschienen.

Immer mehr ältere Verletzte

Der demografische Wandel verändert das Verletzungsgeschehen laut DGOU und DGU bereits heute spürbar. Mehr als die Hälfte aller Knochenbrüche betreffe inzwischen Menschen über 70 Jahre. Besonders häufig seien Verletzungen der unteren Extremitäten wie Becken- oder Schenkelhalsfrakturen. Mit dem Eintritt der Babyboomer in das Rentenalter habe diese Entwicklung weiter an Dynamik gewonnen. Gleichzeitig, so die Fachgesellschaften, hätten die Babyboomer hohe Ansprüche an Mobilität und Lebensqualität.

Zusätzlich konstatieren Orthopäden und Unallchirurgen, dass ältere Patienten häufig gesundheitlich vorbelastet sind. „Wenn ein älterer Mensch stürzt, geht es oft längst nicht nur um den Knochenbruch“, erklärt PD Dr. Christopher Spering, federführender Autor der Studie und Leiter des Zukunfts-Projekts für die DGU. „Häufig treffen Verletzung, Vorerkrankungen und eine eingeschränkte Belastbarkeit zusammen. Unsere Aufgabe ist es dann nicht nur, die Fraktur zu behandeln, sondern Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität möglichst wiederherzustellen.“

Strukturwandel in der Krankenhauslandschaft

Auch die Struktur der Krankenhäuser verändert, berichten DGOU und DGU. Die Analyse zeige, dass rund 41 Prozent der Kreise in Deutschland als strukturell instabil gelten – besonders in ländlichen Regionen und Teilen Ostdeutschlands. Gleichzeitig profitierten schwer verletzte Patienten nachweislich von spezialisierten Zentren mit großen Teams und viel Erfahrung. Eine stärkere Konzentration komplexer Behandlungen könne die Qualität verbessern, so die Fachgesellschaften.

Dieser Wandel berge jedoch auch Risiken. Sie befüchten, wenn chirurgische oder orthopädisch-unfallchirurgische Abteilungen in kleineren Krankenhäusern verschwinden, in manchen Regionen die adäquate Versorgung gefährdet sein könnte. „Schon jetzt zeigt sich deutschlandweit die Erreichbarkeit von Traumazentren innerhalb von 30 Minuten flächendeckend lückenhaft. Diese Lücken werden aktuell größer“, sagt Spering. Die DGU fordert deshalb eine verlässliche Finanzierung von rund 700 bis 800 Klinikstandorten mit unfallchirurgischer Versorgung. Nur so ließen sich kurze Wege für Patienten mit einer hohen Behandlungsqualität in spezialisierten Zentren verbinden.

Fachkräfte werden knapp

Parallel verschärft sich der Fachkräftemangel, betonen die Fachgesllschaften. Es fehlten laut Berechnungen jetzt schon 1,3 Millionen Arbeitsstunden jährlich im Sozial- und Gesundheitswesen aufgrund von Fachkräftemangel. Mehr als die Hälfte der Fachärztinnen und Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie sei bereits älter als 50 Jahre. Gleichzeitig entschieden sich immer weniger junge Mediziner für chirurgische Fächer.

DGOU und DGU zitieren eine Befragung, der zufolge Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf zwar gern ausüben, die Arbeitsbedingungen aber zunehmend als belastend empfinden. Besonders zu schaffen machen ihnen die wachsende Bürokratie, der Personalmangel und die steigende Zahl älterer Patientinnen und Patienten mit komplexem Behandlungsbedarf bei gleichzeitig sinkenden Ressourcen und ausgelasteten Krankenhausbetten sowie OP-Sälen.

„Die Behandlung von Unfallverletzten ist sehr komplex und benötigt ein hochspezialisiertes Team mit einem sehr breiten Versorgungsspektrum“, sagt Spering. „Der Nachwuchs braucht ausreichend Zeit im OP und am Patienten, um Erfahrung zu sammeln. Neue, innovative Arbeitsplatzgestaltung sowie Arbeitszeit- und Belastungsmodelle, Unterstützung durch eine moderne digitale Infrastruktur und zusätzliche Berufsgruppen wie Physician Assistants könnten Ärztinnen und Ärzte künftig entlasten. Die Studie zeigt, dass wir die Zukunft der Traumaversorgung in Deutschland ganz neu denken müssen, um die notwendigen Kurskorrekturen jetzt nicht zu verpassen.“

Notfallversorgung neu organisieren

Auch die Organisation der Notfallversorgung wird sich verändern, sind DGOU und DGU überzeugt. Schon heute würden viele Behandlungen nicht mehr zwingend im Krankenhaus durchgeführt. Modellrechnungen zeigten, dass bis 2030 ein spürbarer Teil der heute stationären Behandlungen ambulant erfolgen könnte. Damit das funktioniere, müssten ambulante Operationsmöglichkeiten ausgebaut und die bisher starren Grenzen zwischen ambulanter Praxis und Krankenhaus überwunden werden. Die Studie empfiehlt unter anderem integrierte Notfallzentren, in denen Patienten schneller eingeschätzt und gezielt weitergeleitet werden. Auch digitale Erstberatungen könnten helfen, Menschen schneller in die passende Behandlung zu bringen und überfüllte Notaufnahmen zu entlasten.

Studie blickt in die Zukunft der Traumaversorgung

Das Projekt „Traumaversorgung in Deutschland 2030 – Chancen erkennen. Strategien entwickeln. Zukunft gestalten“ der DGU in Zusammenarbeit mit dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institute for Health Care Business GmbH basiert auf einer Analyse von Krankenhaus- und Diagnosedaten der Jahre 2010 bis 2019, einer bundesweiten Befragung von 752 Mitgliedern der DGU sowie einem Expertenworkshop. Ziel der Studie war es, frühzeitig zu erkennen, wie sich die Versorgung entwickeln wird und welche Weichen schon heute gestellt werden müssen, damit Patientinnen und Patienten auch in Zukunft schnell und gut behandelt werden können.

Die Autorinnen und Autoren verstehen ihre Analyse als klaren Appell an Politik und Gesundheitswesen. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und strukturelle Veränderungen seien absehbar; entscheidend sei, jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Die Behandlung von Unfallverletzten bedeutet mehr als die Stabilisierung eines Knochenbruchs“, sagt Spering. „Sie hilft Menschen nach schweren Verletzungen zurück in ein selbstständiges Leben und ist damit ein zentraler Bestandteil unserer Gesundheitsversorgung sowie ein gesamtgesellschaftlicher Beitrag zur sozioökonomischen Reintegration von Verunfallten. Es ist jetzt an der Zeit, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken und Resilienz zu fördern.“

Politische Forderungen der DGU

Aus diesn Erkennnissen leitet die DGU Forderungen an die Politk in vier Handlungsfelder ab:

1. Schnelle Hilfe nach dem Unfall sichern
Damit Menschen nach einem Unfall überall in Deutschland schnell Hilfe bekommen, braucht es weiterhin ein dichtes Netz von Kliniken mit unfallchirurgischer Versorgung. Die DGU fordert daher bis ca. 700 Standorte für die Traumaversorgung mit einer Erreichbarkeit innerhalb von 30 Minuten, eine verlässliche Vorhaltefinanzierung sowie den stärkeren Einsatz von Telemedizin zur Unterstützung kleinerer Kliniken.

2. Patienten schneller in die richtige Behandlung bringen
Integrierte Notfallzentren, klare Triage-Systeme und digitale Erstberatung sollen Patientinnen und Patienten schneller in die passende Versorgung lenken. So können Notaufnahmen entlastet und Wartezeiten verkürzt werden.

3. Behandlung besser miteinander verknüpfen
Die strikten Grenzen zwischen ambulanter Praxis und Krankenhaus sollten weiter abgebaut werden. Gemeinsame Weiterbildungsangebote – etwa im TraumaNetzwerk DGU® – sowie mehr Prävention, zum Beispiel durch Programme zur Sturzvermeidung im Alter, können helfen, Knochenbrüche zu verhindern.

4. Gute Versorgung braucht genügend Fachkräfte
Hochspezialisierte Behandlungen sollten stärker in Zentren gebündelt werden, damit Patientinnen und Patienten von hoher Expertise profitieren. Gleichzeitig müssen Ärztinnen und Ärzte durch weniger Bürokratie, digitale Unterstützung und zusätzliche Berufsgruppen entlastet werden. Eine moderne Weiterbildung soll zudem den Nachwuchs für das Fach Orthopädie und Unfallchirurgie sichern.

(hr/BIERMANN)


Literatur:
1. Chancen erkennen. Strategien entwickeln. Zukunft gestalten. Projekt Traumaversorgung in Deutschland 2030. In „Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten“ (OUMN) 2026;Heft 2 [Artikel mit QR-Code zur Originalstudie in Deutsch].
Zusendung des Artikels auf Anfrage bei den Fachgesellschaften DGOU/DGU.

2. Spering C et al. The future of trauma care in Germany 2030: challenges, opportunities, and strategic directions. Eur J Trauma Emerg Surg 2026;52:95.