Neues Prognosemodell zur Sterblichkeit nach Blutstrominfektionen4. Februar 2022 Bild: ©Kateryna_Kon – stock.adobe.com Blutstrominfektionen (BSI) sind schwere bakterielle Infektionen, die mit einer hohen Sterblichkeit verbunden sind. Forschende aus Tübingen und Freiburg entwickelten nun zwei klinische Scores, die eine Aussage über die kurz- und langfristige Sterblichkeit nach BSI erlauben. Forschungsleiterin Prof. Evelina Tacconelli aus Tübingen führte die Studie BLOOMY (BLOOdstream infection due to multidrug-resistant Organisms: Multicenter studY on risk factors and clinical outcomes) des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) unter Federführung der Universitätsklinika Tübingen und Freiburg durch. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift „Lancet Infectious Diseases“ veröffentlicht. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Anzahl der BSI durch multiresistente Erreger (MRE) massiv gestiegen: Europäische Daten zeigen, dass sich schätzungsweise sechs Prozent der Patientinnen und Patienten im Krankenhaus mit einer BSI infizieren – das sind jährlich rund 3,2 Mio. Fälle. Etwa 150.000 Menschen versterben daran. Generell hängen die Schwere und der Verlauf der bakteriellen Infektion von den auslösenden Bakterien, dem zugrundeliegenden Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten sowie von der Behandlung gegen die Infektion ab. Die Auswirkungen dauern oftmals mehrere Monate nach der Entlassung aus dem Krankenhaus an. Obwohl Vorhersagemodelle für die Prognose bereits existieren, sind diese bislang auf bestimmte Krankheitserreger oder Intensivpatienten und -patientinnen beschränkt und betreffen vor allem die kurzfristige Prognose innerhalb des Krankenhausaufenthaltes. Die langfristigen Auswirkungen der BSI nach der Entlassung sind erst in den letzten Jahren in den Fokus der Forschenden gerückt. Multizentrische Kohortenstudie BLOOMY zur 14-Tages und 6-Monats-Sterblichkeit Mit dem Ziel die Kurz- und Langzeitsterblichkeit bei Patientinnen und Patienten mit BSI sowohl auf der Normal- als auch auf der Intensivstation und mit verschiedenen Keimen besser prognostizieren zu können, wurden Daten für die multizentrische Kohortenstudie unter der Leitung von Tacconelli mit rund 2500 Patientinnen und Patienten an allen Standorten prospektiv erhoben. Die Universitätskliniken Berlin, Gießen, Köln und Lübeck sind ebenfalls beteiligt. Mikrobiologische, klinische, laborchemische sowie Behandlungs- und Überlebensdaten spielten eine Rolle für die Untersuchung der 14-Tages und 6-Monats-Sterblichkeit, insgesamt wurden über 1000 Variablen pro Patientin bzw. Patient analysiert. Auf deren Grundlage ließen sich mathematische Modelle für die frühzeitige Vorhersage der Sterblichkeit nach 14 Tagen bzw. nach 6 Monaten erstellen. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass für beide Zeiträume Faktoren wie das Alter, maligne Vorerkrankungen und bestimmte Keime sowie der BMI, Thrombozyten- sowie Leukozytenzahlen und der Entzündungsmarker CRP ebenso maßgeblich sind, wie die Frage, ob die Betroffenen im Krankenhaus erkrankt sind. Zusätzliche Variablen für die Vorhersage der 14-Tage-Sterblichkeit waren der mentale Status, ein zu niedriger Blutdruck und die Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung. Für die Vorhersage der 6-Monats-Mortalität hingegen waren zusätzlich der Infektionsherd, Komplikationen während des Krankenhausaufenthaltes sowie die Nierenfunktion bei Behandlungsende relevant. Das Ergebnis der Studie Die Auswertungsergebnisse wurden zu zwei klinischen Scores zusammengeführt, mit denen bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Erkrankung jeweils die Vorhersagen für die 14-Tages- sowie 6-Monats-Sterblichkeit erheblich präziser erfolgen können. Beide Scores wurden im Anschluss bei weiteren rund 1000 Patientinnen und Patienten aus den verschiedenen Zentren erfolgreich auf ihre Vorhersagekraft validiert. „Unsere Studie zeigt, dass die BLOOMY-Scores eine gute Trennschärfe und damit Vorhersagekraft in Bezug auf die kurz- und langfristige Sterblichkeit nach BSI aufweisen und mithilfe derer wir differenzierte BSI-Managementprotokolle entwickeln können“, erklärt DZIF-Studienleiterin Tacconelli. Oberärztin Dr. Siri Göpel, Mitglied der Forschungsgruppe aus Tübingen, erläutert: „Wir können somit frühzeitig jene Patientinnen und Patienten im Behandlungsverlauf identifizieren, die ein sehr hohes Risiko haben und diese beispielsweise engmaschiger überwachen. Auch nach der Entlassung ließen sich Erkrankte mit einem hohen Langzeitrisiko gezielt überwachen. Weitere Studien könnten evaluieren, ob spezielle Maßnahmen die Prognose bei diesen Patientinnen und Patienten verbessern können.“
Mehr erfahren zu: "Hitzige Debatten zum Spargesetz beim Gesundheitskongress des Westens" Hitzige Debatten zum Spargesetz beim Gesundheitskongress des Westens Der diesjährige Gesundheitskongress des Westens am 7. und 8. Mai in Köln kam genau zur richtigen Zeit: Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz ist vom Kabinett beschlossen, aber noch nicht in Stein gemeißelt. Die […]
Mehr erfahren zu: "Migräneprophylaxe: Hinweise auf reduziertes Glaukomrisiko unter CGRP-Inhibitoren" Migräneprophylaxe: Hinweise auf reduziertes Glaukomrisiko unter CGRP-Inhibitoren Zwei Fliegen mit einer Klappe: Weniger Migräne und ein geringeres Glaukomrisiko? Neue Studienerkenntnisse deuten an, dass dies unter einer Migräneprophylaxe mit CGRP-Inhibitoren der Fall sein könnte.
Mehr erfahren zu: "GeDIG-Referentenentwurf: Virchowbund kritisiert staatliche Eingriffe in Praxisstrukturen" GeDIG-Referentenentwurf: Virchowbund kritisiert staatliche Eingriffe in Praxisstrukturen Hauptkritik des Virchowbundes am GeDIG: Das Gesetz greife in die ärztliche Terminhoheit ein und gefährde die ärztliche Schweigepflicht. Der „einzige Lichtblick“ sei die digitale Ersteinschätzung, so Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender […]