Neurodivergenz als Spektrum betrachten8. Juli 2026 Neurologische Entwicklungsstörungen sollten nicht als Einzeldiagnosen, sondern als Spektrum betrachtet werden. (Foto: © ink drop – stock.adobe.com) In „Molecular Psychiatry“ fordern Wissenschaftler ein Umdenken in der klinischen Praxis: Anstatt Entwicklungsstörungen wie ADHS, Autismus oder Legasthenie isoliert zu betrachten, sollte in der Diagnostik und Therapie ein breites neuroentwicklungsbezogenes Spektrum Anwendung finden. Die Studie, die von Forschenden der Queen Mary University of London sowie der Royal Holloway, University of London, geleitet wurde, stellt die bisherige Sichtweise auf neurologische Entwicklungsstörungen infrage. Ihre Ergebnisse legen nahe, sich auf eine breite Konstellation von Merkmalen (ein „neuroentwicklungsbezogenes Spektrum“) zu konzentrieren, anstatt einzelne Störungen isoliert zu betrachten. In psychiatrischen Diagnosehandbüchern werden neurologische Entwicklungsstörungen traditionell in getrennten Kategorien wie Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oder spezifischen Lernstörungen geführt. Doch die Realität in den Praxen sieht oft anders aus: Rund 15 Prozent der Weltbevölkerung sind von mindestens einer dieser Störungen betroffen, wobei viele Betroffene Merkmale mehrerer Diagnosen gleichzeitig aufweisen. Die Studienautoren schlagen daher vor, diese Zustände als Teil eines zusammenhängenden Spektrums zu betrachten. Daten von über 10.000 Kindern analysiert Die Untersuchung basiert auf Daten der „Twins Early Development Study“ mit mehr als 10.000 Kindern im Vereinigten Königreich. Die Forscher analysierten, wie sich Merkmale verschiedener Entwicklungsstörungen überschneiden und wie diese mit emotionalen, verhaltensbezogenen und schulischen Ergebnissen von der Kindheit bis zur Adoleszenz korrelieren. Die Analyse identifizierte eine gemeinsame zugrunde liegende Dimension – das „neurodevelopmentale (neuroentwicklungsbezogene) Spektrum“. Dieser aggregierte Index erwies sich als hochgradig aussagekräftig für den weiteren Lebensweg: Schulische Leistungen: Der Score konnte bis zu 21 Prozent der Unterschiede in schulischen Ergebnissen erklären. Förderbedarf: Kinder mit einem hohen Spektrum-Score im Alter von sieben Jahren hatten eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, im Alter von zwölf Jahren einen offiziellen sonderpädagogischen Förderbedarf (SEND-Status) zu haben. Stabilität: Hohe Werte über die gesamte Kindheit und Jugend hinweg waren eng mit schwachen schulischen Leistungen verknüpft, wobei die Effekte als mittel bis groß eingestuft wurden (Abb. 1). Abb. 1: Das Spektrum der neurologischen Entwicklung im Alter von sieben, zwölf und 16 Jahren weist erhebliche Zusammenhänge mit einer Vielzahl von schulischen und kognitiven Ergebnissen auf, die zum gleichen Zeitpunkt oder zu einem späteren Entwicklungszeitpunkt gemessen wurden. Die Abbildung wurde von den Autoren aus Abb. 3 des Originalartikels adaptiert. (Quelle: Michelini, G et al. The neurodevelopmental spectrum: phenotypic architecture, etiology, predictive utility, and specificity across development. Mol Psychiatry (2026)). Plädoyer für einen transdiagnostischen Ansatz Dr. Giorgia Michelini, Erstautorin der Studie, betont, dass die Konzentration auf ein breites Spektrum von Merkmalen entscheidend sei, um die Bedürfnisse von Kindern besser zu verstehen und künftige Entwicklungen vorherzusagen. Aktuell werden Diagnose und Unterstützung oft von getrennten Berufsgruppen – wie Kinderpsychiatern, Pädiatern oder Logopäden – in isolierten Settings geleistet. Die Studienergebnisse stützen laut den Autoren die wachsende Bewegung, neurodevelopmentale Bedingungen unter dem Dachbegriff der „Neurodivergenz“ zusammenzufassen. Ein stärker bedürfnisorientierter, personalisierter Ansatz bei der Begutachtung in Schulen und Kliniken könnte die Identifizierung verbessern und sicherstellen, dass die Unterstützung passgenau auf die individuellen Stärken und Defizite zugeschnitten wird. Dies könne letztlich zu besseren Ergebnissen für neurodivergente junge Menschen führen, sind die Forschenden überzeugt. (ej/BIERMANN)
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