Potenzial statt Defizit: die synergetische Verbindung von ADHS und Kreativität1. Mai 2026 ‚Defokussierte Aufmerksamkeit‘ kann die Kreativität fördern. (Symbolbild: © Татьяна Волкова/stock-adobe.com) Wie kann ADHS gleichzeitig eine tägliche Herausforderung für Millionen von Menschen und ein gemeinsames Merkmal erfolgreicher Künstler und Innovatoren wie Justin Timberlake oder Simone Biles sein? Die gemeinsamen neurologischen Mechanismen von Kreativität und Aufmerksamkeit stehen im Mittelpunkt einer neuen deutschen Forschungsarbeit. Die Studie, die in „iScience“ veröffentlicht wurde, untersucht die gemeinsamen neurologischen Mechanismen, die Kreativität und Aufmerksamkeit verbinden. Sie zeigt auf, wie bestimmte mit ADHS assoziierte kognitive Prozesse – wie etwa eine „defokussierte Aufmerksamkeit“ – kraftvolle Quellen kreativen Denkens sein können, wenn sie richtig genutzt werden. Die Ergebnisse bieten vielversprechende Perspektiven für Kreativtherapien, die Kunst, Musik und Tanz als wirksame, nicht-pharmazeutische Interventionen für die fast acht Prozent der Kinder weltweit nutzen, die von ADHS betroffen sind. ADHS als Stärke statt Defizit Die Studie der Constrcutor University in Bremen, die gemeinsam mit Wissenschaftlern mehrerer renommierter französischer Forschungseinrichtungen verfasst wurde, deutet einen Paradigmenwechsel im Verständnis von ADHS an. „Es gibt eine Tendenz, aufmerksamkeitsbezogene Zustände wie ADHS rein durch die Brille des Defizits zu betrachten: Was ist falsch, was fehlt oder was muss repariert werden?“, erklärt Studienleiterin Dr. Radwa Khalil. Sie erklärt, dass ADHS zwar oft als Defizit gesehen wird, neue Erkenntnisse jedoch zeigen, dass Aufmerksamkeit und Kreativität dieselben neuronalen Netzwerke nutzen. „Neurodivergente Aufmerksamkeitsmuster sind daher nicht bloß Probleme. Sie können Wege zu kraftvollem kreativem Denken ebnen, wenn sie entsprechend gelenkt werden“, erläutert sie. Die Arbeit führt Forschungsergebnisse verschiedener Disziplinen zusammen, um zu verdeutlichen, wie Kreativität und Aufmerksamkeitsverarbeitung in überlappenden neuronalen Netzwerken stattfinden. Sie erläutert weiter, dass frei-assoziative Denkmuster, die kreative Ideen hervorbringen, auch mit Ablenkbarkeit, Tagträumerei und anderen Verhaltensweisen in Verbindung stehen, die häufig bei ADHS beobachtet werden. Khalil nutzt eine Analogie, um die Verbindung zu verdeutlichen: „Stellen Sie sich Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer vor. Die meisten Menschen können ihren Strahl auf eine einzige Sache bündeln. Gehirne mit ADHS haben einen breiteren Lichtkegel und nehmen mehr Informationen auf einmal wahr. Dieser Zustand kann Routineaufgaben, die Konzentration erfordern, erschweren. Doch dieser weitere Blickwinkel oder die ‚defokussierte Aufmerksamkeit‘ fördert exploratives Denken und neue Ideenkombinationen, die die Kreativität befeuern.“ Kreativität als therapeutischer Ansatz für ADHS Khalil und ihre Kollegen sehen vielversprechende und praktische therapeutische Implikationen für Betroffene von ADHS und verwandten Störungen. Methoden, die kreative Aktivitäten wie Kunst, Musik, Tanz, Schreiben, Gaming und mehr einbeziehen, können strukturierte Möglichkeiten für Personen mit ADHS bieten, ihre defokussierte Aufmerksamkeit zu kanalisieren und zu erforschen. Kreative Aktivität kann zudem helfen, die an der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligten neuronalen Netzwerke zu stärken und Muster neu zu vernetzen, die zu Merkmalen wie Impulsivität und Hyperaktivität beitragen. „Authentischer kreativer Ausdruck ist so viel mehr als eine angenehme Ablenkung“, fährt Khalil fort. „Er spricht dieselben neuronalen Schaltkreise an, die an der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt sind, und stellt im Grunde ein Training für das Gehirn dar. Für ein Kind mit ADHS kann die Erfahrung, sich beim Erschaffen von Kunst oder beim Musizieren ‚im Moment zu verlieren‘, tatsächlich die Fähigkeit zur Konzentration stärken, indem mit dem natürlichen kognitiven Stil gearbeitet wird, anstatt gegen ihn.“ Obwohl die Aussichten vielversprechend sind, merken Khalil und ihre Kollegen an, dass die Verbindung zwischen Aufmerksamkeit und Kreativität bisher nur teilweise verstanden wird. Um diese Herausforderung anzugehen, schlägt der Artikel einen Rahmen mit detaillierten Empfehlungen für die weitere Forschung vor, wobei der Fokus auf interdisziplinärer Zusammenarbeit, methodischer Innovation und Längsschnittstudien liegt. Khalil betont, dass eine grundlegende Veränderung der ADHS-Behandlung zunächst den Aufbau einer umfassenden, interdisziplinären Forschungsagenda erfordert, die Neurowissenschaftler, Kunsttherapeuten, Kliniker und andere Fachkräfte vereint. Auch interessant zum Thema ADHS: Hinweise auf Verbindung von ADHS und chronischen Schmerzen Bewegung, die Gehirn und Körper trainiert, hilft bei ADHS-Symptomen
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