Profitieren Kinder mit Autismus von Transkranieller Magnetstimulation?

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung zeigen häufig Defizite in der sozialen Kommunikation. (Foto: © IGHTFIELD STUDIOS – stock.adobe.com)

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zeigen meist Einschränkungen ihrer sozialen Kommunikation. Eine Forschungsgruppe aus China berichtet nun im „British Medical Journal“ von deutlichen Verbesserungen dieses Defizits durch die nicht invasive Stimulation des primären Motorkortex.

In einer Pilotstudie hatte das Forschungsteam zunächst eine effiziente Form der Transkraniellen Magnetstimulation (repetitive TMS) entwickelt, die „accelarated continuous Theta Burst Stimulation“ (a-cTBS). Statt wie sonst die Stimulation über mehrere Wochen zu ziehen, wollten sie damit eine effektive Stimulation über fünf Tage erreichen.

Anschließend schlossen die Forschenden insgesamt 200 Kinder zwischen vier und zehn Jahren mit einer diagnostizierten ASS in ihre Studie ein. Die Hälfte der Kinder erhielt eine tatsächliche Stimulation, die andere Hälfte eine Scheinstimulation. Insgesamt wurden über fünf Tage täglich zehn Stimulationssitzungen stündlich durchgeführt. Eine Session dauerte 120 Sekunden. In dieser kurzen Zeit wurden bei der Experimentalgruppe 1800 Pulse an den primären Motorkortex abgegeben, der unter anderem für Bewegung und Sprache zuständig ist. Die Forschenden führten mit den Kindern vor der Behandlung sowie direkt und einen Monat nach der Intervention unterschiedliche Untersuchungen durch: Mit der Social Responsiveness Scale (SRS) erfassten sie die soziale Kommunikationsfähigkeit. Daneben erhoben sie weitere Bereiche wie Sprache, Kommunikation und Zurechtkommen im Alltag.

Laut ihrer Analyse verbesserten sich die Kinder, die die a-cTBS erhielten, im Vergleich zur Kontrollgruppe (Scheinstimulation) statistisch bedeutsam, sowohl direkt nach der Intervention als auch einen Monat später. Speziell die Subskala soziale Kommunikation zeigte deutliche Verbesserungen. Zusätzliche Analysen ergaben außerdem eine Besserung in der Sprachfähigkeit, in anderen Bereichen, wie alltägliche Fertigkeiten, Kommunikation oder Satzkomplexität war dies nicht der Fall. Die Kinder der Experimentalgruppe berichteten etwas mehr Nebenwirkungen, vor allem Unruhe und Kopfhaut-Beschwerden.

Methodische Schwächen schränken Aussagekraft ein

Für Prof. Stephan Bender, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik Köln sind die Effekte auf soziale Kommunikation „überraschend, da das Stimulationsziel – der primäre motorische Cortex – in Sprachverständnis oder -produktion oder auch Mimik nicht direkt involviert ist. Die Gestik kann über das sogenannte Spiegelneuronensystem dekodiert werden. (…) Dieses spielt jedoch in der humanen Kommunikation keine führende Rolle“. Insofern bleibe abzuwarten, „ob die Stimulation günstige Effekte auf das Gleichgewicht von Exzitation und Inhibition über weit verzweigte Netzwerke zur Folge hatte oder ob sich der primäre motorische Cortex selbst als Ziel einer Stimulation besser eignet als bisher angenommen“, erklärte Bender, der selbst zu repetitiven TMS-Verfahren forscht. 

Auch Prof. Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt, begrüßt den innovativen Behandlungsansatz des chinesischen Forscherteams, sieht im Studiendesign und der statistischen Auswertung aber zahlreiche Schwächen. Damit sei eine abschließende Beurteilung der Intervention und eines möglichen Mehrwerts nicht möglich. Daher habe die Studie zum jetzigen Zeitpunkt auch keine Relevanz für die Behandlung von Kindern mit ASS, erklärte die Leitlinienbeauftragte der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und Koordinatorin der AWMF-S3-Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen.