Starre Geschlechterrollen können Männer krank machen3. November 2026 Einem vorgegebenen Rollenklischee entsprechen zu müssen, überfordert viele Männer. Bild: n ra2 studio – stock.adobe.com Im renommierten Journal „The Lancet“ sind drei zusammenhängende Studien erschienen, in denen die Autoren Männlichkeitsnormen als Ursache für schlechtere Männergesundheit diskutieren und gesundheitspolitische Maßnahmen fordern. Problematische Männlichkeitsnormen seien mitverantwortlich für die bekannte Tatsache, dass Männer weltweit im Durchschnitt früher sterben als Frauen – so die These des internationalen Forscherteams in den drei Publikationen. Experten aus Deutschland und Österreich begrüßen den Fokus auf Männergesundheit und mahnen dazu, soziale Aspekte stärker in Überlegungen zu Gesundheit zu integrieren. In der ersten Publikation diskutieren die Wissenschaftler zunächst den theoretischen Rahmen, mit dem sie Männergesundheit analysieren. Statt nur individuelles Gesundheitsverhalten und biologische Ursachen zu betrachten, sollten ihnen zufolge auch strukturelle gesellschaftliche Bedingungen und Verschränkungen zwischen diesen Sektionen analysiert werden. Erst so ließe sich individuelles Gesundheitsverhalten verstehen. Anhand von Beispielen diskutieren sie, wie Männlichkeitsnormen gesundheitliche Probleme mitverursachen könnten – laut einem Beispiel etwa, weil sie dazu führten, dass Arbeitslosigkeit bei Männern in der „Versorgerrolle“ stärkeren Stress auslöse. 16 Prozent höhere Krankheitslast Die zweite Studie wertet quantitativ Gesundheitsdaten der Global Burden of Diseases, Injuries and Risk Factors Study (GBD) von 2023 aus und vergleicht Mortalität und Krankheitslast mittels Disability Adjusted Life Years (DALYs). Diese setzen sich aus verlorenen Lebensjahren – Years of Life Lost (YLLs) – und Lebensjahren mit gesundheitlichen Einschränkungen – Years Lived with Disability (YLDs) zusammen. Insgesamt zeigt sich, dass Männer in den meisten Ländern früher sterben und global unter einer 16 Prozent stärkeren Krankheitslast (gemessen in DALYs) leiden. Für Deutschland, Österreich und Schweiz waren die DALYs bei Männern jeweils etwa 14, 16 und 4 Prozent höher. Insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Unfälle, Krebs sowie Selbstverletzung und Gewalt durch andere waren für den Unterschied der Geschlechter ausschlaggebend. Wichtig für die Interpretation der Daten: Zwar sind DALYs für Männer höher, das liegt aber an vorzeitigen Todesfällen (YLLs). Bezogen auf Lebensjahre mit gesundheitlichen Einschränkungen (YLDs) ist der Wert bei Frauen höher. Im dritten Aufsatz fordert das Autorenteam, Männergesundheit systematischer in die Gesundheitspolitik zu integrieren. Dabei sollte sie nicht ausschließlich biologisch und individuell, sondern im sozialen Kontext betrachtet werden, der häufig eine Rolle spiele. Ihrer Analyse nach gibt es sowohl ideell, institutionell als auch bezüglich kommerzieller und anderer Interessen viele Hindernisse, die dem bisher entgegenstanden. Beispielsweise sei die höhere Prävalenz von Tabakkonsum kaum als Problem vor allem der Männergesundheit in den Blick genommen worden. Dabei betreffe das Problem besonders Männer und hänge mit Vorstellungen von Männlichkeit zusammen, die auch kommerzielle Akteure in ihrer Werbung nutzten. Während es explizit Programme und Gesundheitskommunikation gäbe, die Frauen als Frauen ansprächen, fehle dies für Männer. Intersektionaler Ansatz gelobt „Die drei Publikationen der aktuellen Lancet-Serie zur Männergesundheit stellen aus meiner Sicht einen außerordentlich wichtigen und wissenschaftlich überzeugenden Beitrag zur Weiterentwicklung dieses Forschungsfeldes dar“, erklärt Prof. Andreas Walther, Professor für Psychotherapie und Psychotherapieforschung (Verhaltenstherapie) und stellvertretender Leiter des Zentrums für Psychotherapie an der Universität Graz (Österreich). „Besonders begrüßenswert ist dabei der intersektionale Ansatz, der Männergesundheit nicht ausschließlich auf individuelles Risikoverhalten oder traditionelle Männlichkeitsnormen reduziert, sondern biologische, psychologische, soziale und strukturelle Einflussfaktoren gemeinsam berücksichtigt.“ Walther betont jedoch, dass nicht sämtliche traditionelle Männlichkeitsnormen grundsätzlich gesundheitsschädlich seien. „Entscheidend ist vielmehr, wie rigide diese Normen vertreten werden, in welchem sozialen Kontext sie wirken und welche individuellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Die kausale Evidenz ist dabei deutlich weniger umfassend als die Vielzahl korrelativer Befunde. (…) Nicht Männlichkeit an sich macht Männer krank, sondern insbesondere starre Vorstellungen davon, wie ein Mann zu sein hat.“ Auch für Dr. Nikola Komlenac, Assistenzprofessor am Institut für Diversität in der Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck (Österreich) ist „nicht das männlich konnotierte Verhalten an sich (…) zwangsläufig problematisch, sondern dessen rigide und vom jeweiligen Kontext unabhängige Ausführung“. Der Druck, einem Ideal entsprechen zu müssen, könne selbst gesundheitlich relevant werden. „Im Kern sind daher nicht Männlichkeits- oder Weiblichkeitsideale an sich gesundheitsschädlich. Problematisch ist vielmehr, dass Personen aufgrund ihres zugeschriebenen Geschlechts oder ihrer Geschlechtsidentität bestimmte Verhaltensweisen und Ideale zugeschrieben werden und nur bestimmte Formen von Männlichkeit, Weiblichkeit oder geschlechtlichem Ausdruck als akzeptabel gelten. Gleichzeitig kann die Einhaltung oder Ausführung bestimmter Ideale mit Anerkennung, Belohnung und Privilegierung verbunden sein, während Abweichungen davon mit Ablehnung oder Benachteiligung einhergehen können.“ Biologische versus soziale Einflüsse Umstritten ist die Frage, „welcher Anteil der gesundheitlichen Nachteile auf biologische Unterschiede und welcher auf gesellschaftliche Geschlechternormen zurückzuführen ist“, wie Walther es formuliert. Dies lasse sich aus den vorliegenden Daten nicht zuverlässig quantifizieren. „Beide Faktoren stehen in komplexen Wechselwirkungen miteinander.“ „Dass biologische Faktoren zu den Unterschieden zwischen Männern und Frauen beitragen, ist in der Forschung unumstritten“, betont Dr. Michael Mühlichen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. So habe die in den Lancet-Arbeiten nicht berücksichtigte „international vielbeachtete Klosterstudie von Marc Luy“ gezeigt, „dass circa 20 bis 25 Prozent des Unterschieds in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen biologisch bedingt sind, während der restliche Anteil auf Unterschiede bei Gesundheitsverhalten und Lebensbedingungen zurückzuführen ist“. Er kommt daher zu der Einschätzung: „Dass diese biologischen Wechselwirkungen in den hier diskutierten Studien nicht systematisch berücksichtigt werden, halte ich für eine relevante Einschränkung.“ „Gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen ist es wichtig, sowohl biologische Geschlechtsaspekte – etwa Unterschiede in Testosteron- und Östrogenkonzentrationen – als auch Risikoverhalten und andere psychosoziale Aspekte von Geschlecht zu berücksichtigen“, hebt auch Diversitätsforscher Komlenac hervor. Er findet es wichtig, „klar zwischen biologischen Geschlechtsmerkmalen einerseits und den biologischen Folgen psychosozialer und gesellschaftlicher Bedingungen andererseits zu unterscheiden“. Die vermeidbaren Risikofaktoren hätten nicht unmittelbar mit biologischen Aspekten von Geschlecht zu tun. „Psychosoziale Aspekte von Geschlecht werden nicht durch das biologische Geschlecht oder durch biologische Geschlechtsmerkmale bestimmt beziehungsweise determiniert. Problematisch wäre daher eine Argumentation, die psychosoziale Dynamiken unmittelbar aus vermeintlich biologischen Eigenschaften ableitet. Ein solcher Ansatz würde in Richtung eines biologischen Determinismus gehen.“ Doch biologische und soziale Einflüsse zu trennen, wäre möglicherweise zu viel verlangt, wie Prof. Silvia Krumm, Leiterin der Arbeitsgruppe Qualitative Sozialforschung an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II des Universitätsklinikums Ulm erklärt: „Der Einfluss gesellschaftlicher Männlichkeitsvorstellungen auf die schlechtere Gesundheit von Männern im Vergleich zu biologischen Geschlechtsunterschieden lässt sich kaum valide messen. Sex und Gender sind zwar analytisch unterscheidbar, wirken bei der Entstehung gesundheitlicher Unterschiede aber vielfach zusammen.“ Krumm hält es für möglich, dass „der Männergesundheit eine mit der Frauengesundheitsforschung vergleichbare politische Mobilisierung fehlt“. „Gesellschaftliche Vorstellungen von männlicher Stärke und Unverletzlichkeit erschweren es möglicherweise, gesundheitliche Risiken von Männern als politisches Handlungsfeld wahrzunehmen.“ Dabei hält sie es für wichtig, „Männer dabei nicht pauschal zu problematisieren oder Geschlechterstereotype zu reproduzieren“. Krumm kritisiert in diesem Zusammenhang „den derzeit populären Begriff der ‚toxischen Männlichkeit‘“, denn er impliziere „ein eindimensionales Verständnis von Männlichkeit, das dem heutigen Forschungsstand kaum gerecht wird“. Wie erreicht man die Männer? Da aber nun der Einfluss von Männlichkeitsnormen auf die Gesundheit nachgewiesen ist, stellt sich die Frage, wie man Männer für eine bessere Wahrnehmung ihrer Gesundheit sensibilisieren könnte. „Wenn beispielsweise die Angst, als schwach zu gelten, Männer nachweislich davon abhält, Depressionen behandeln zu lassen, können Interventionen, die Hilfesuche mit Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit verbinden, besonders sinnvoll sein“, schlägt Bevölkerungsforscher Mühlichen vor. Eine geschlechtersensible Ansprache könne sinnvoll und wichtig sein, wenn klassische Präventions- und Versorgungsangebote bestimmte Männergruppen eher schlecht erreichen, glaubt auch Sozialforscherin Krumm. Allerdings sieht sie ein Dilemma darin, „dass eine gezielte Ansprache von Männern auch dazu führen kann, stereotype Vorstellungen von Männlichkeit zu reproduzieren“. Die Experten betonen aber auch, „dass Männer keine homogene Bevölkerungsgruppe darstellen und gesundheitliche Präventionsmaßnahmen stärker auf unterschiedliche Lebensrealitäten zugeschnitten werden müssen“, wie es Psychologe Walther ausdrückt. „Bei Männern unterscheidet sich das Niveau in Gesundheit und Lebenserwartung je nach sozioökonomischem Stand, also im Hinblick auf Bildung, Einkommen und Berufstätigkeit stärker als bei Frauen“, gibt Mühlichen zu bedenken. „Bei Männern ist der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen sozioökonomischen Gruppen teilweise größer als die Differenz zwischen Männern und Frauen.“ Für Krumm ist eine der zentralen Botschaften der „Lancet“-Studien, dass „die schlichte Gegenüberstellung von Männern und Frauen die gravierenden gesundheitlichen Ungleichheiten in der Gruppe der Männer“ verdecke. Allgemein heben die Experten hervor, dass die Gesundheit der Männer nicht getrennt von der Gesundheit der Frauen betrachtet werden könne. Walther sieht eine besondere Stärke der „Lancet“-Serie darin, „Männergesundheit nicht als Konkurrenz zur Frauengesundheit zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil einer geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung“. Auch Gendermediziner Komlenac „würde vielmehr argumentieren, dass geschlechtersensible Medizin – Gendermedizin – als Querschnittsperspektive berücksichtigt werden sollte.“ (ms/BIERMANN) Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Weltmännertag: Echte Stärke heißt auch, auf sich selbst zu achten „Ist das schlimm genug?“ Männer suchen spät Hilfe
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