Studie zu Schwangerschaftsübelkeit deckt sechs neue genetische Zusammenhänge auf

Symbolbild Schwangerschaftsübelkeit (© Маргарита Пархоменко/stock.adobe.com)

Eine neue Studie identifizierte insgesamt zehn Gene, die mit der schwersten Form der Schwangerschaftsübelkeit, der Hyperemesis gravidarum, in Verbindung stehen. Sie liefert Hinweise auf zugrundeliegende biologische Mechanismen und potenzielle neue Behandlungsansätze.

Das Forschungsteam der University of Southern California (USC) hat neun weitere Gene entdeckt, die mit der schwersten Form, der Hyperemesis gravidarum (HG), in Verbindung stehen. Sechs dieser Gene waren bisher nicht mit der Erkrankung assoziiert.

HG, von der etwa zwei Prozent der Frauen betroffen sind, verursacht so starke Übelkeit und Erbrechen, dass die Nahrungsaufnahme extrem schwierig werden kann. Die Erkrankung wurde lange Zeit missverstanden und oft als psychisch bedingt abgetan. Doch zunehmende Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sie eine starke biologische und genetische Grundlage hat und zu schwerer Mangelernährung führen kann, wodurch Mutter und Kind gefährdet sind.

In der bisher größten genetischen Studie zu HG analysierten Forscher der Keck School of Medicine der USC und ihre internationalen Kooperationspartner Daten von 10.974 Frauen mit HG und 461.461 Kontrollpersonen europäischer, asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Abstammung. Die Ergebnisse, die kürzlich in „Nature Genetics“ veröffentlicht wurden, liefern neue Erkenntnisse über die Erkrankung und geben Betroffenen neue Hoffnung.

„Da dies die bisher größte Studie zu HG ist, konnten wir wichtige, bisher unbekannte Details herausarbeiten“, berichtet Dr. Marlena Fejzo, Assistenzprofessorin für Bevölkerungs- und öffentliche Gesundheitswissenschaften am Zentrum für Genetische Epidemiologie der Keck School of Medicine, die die vorliegende Studie sowie frühere Forschungen zum Zusammenhang zwischen GDF15 und HG leitete. „Die Tatsache, dass wir Frauen verschiedener Abstammungsgruppen untersucht haben, deutet darauf hin, dass diese Ergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar sein könnten.“

Die Forscher identifizierten zehn mit HG assoziierte Gene – vier bereits bekannte und sechs neue. Die mit Abstand stärkste Verbindung bestand zum Wachstumsdifferenzierungsfaktor 15 (GDF15), einem Gen, das ein gleichnamiges Hormon produziert, dessen Spiegel während der Schwangerschaft stark ansteigt. Frühere Forschungen von Fejzo und einem internationalen Team zeigten, dass der Zusammenhang in der Hormonempfindlichkeit von Frauen liegt: Frauen, die aufgrund einer Genmutation vor der Schwangerschaft niedrigeren Hormonspiegeln ausgesetzt waren, leiden unter stärkeren Symptomen, während Frauen mit höheren Hormonspiegeln vor der Schwangerschaft weniger starke Übelkeit und Erbrechen aufweisen.

Die anderen identifizierten Gene stehen in Zusammenhang mit wichtigen Schwangerschaftshormonen, Appetit und Übelkeit, Insulin und Stoffwechsel, Lern- und Anpassungsprozessen des Gehirns sowie bestimmten Schwangerschaftsausgängen.

„Nachdem wir die Anzahl der mit HG assoziierten Gene mehr als verdoppelt haben, können wir die biologischen Grundlagen dieser Erkrankung sowie neue Behandlungsansätze genauer erforschen“, erklärt Fejzo.

Die genetische Basis von HG

Die Forscher führten eine genomweite Assoziationsstudie durch und suchten im gesamten Genom nach Unterschieden zwischen Frauen, die während der Schwangerschaft HG entwickelten, und solchen, die keine HG entwickelten.

Die vier zuvor identifizierten Gene waren GDF15; GFRAL, das den Rezeptor für das Hormon GDF15 produziert; und IGFBP7 und PGR, die beide an der Entwicklung der Plazenta beteiligt sind.

Die sechs neu identifizierten Gene liefern weitere Hinweise, die helfen könnten, die Ursachen von HG zu erklären oder neue Behandlungsansätze aufzuzeigen. Dazu gehören FSHB, TCF7L2, SLITRK1, SYN3, IGSF11 und CDH9.

TCF7L2 sticht hervor, da es einer der stärksten genetischen Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes ist und auch mit Schwangerschaftsdiabetes in Verbindung gebracht wird. Es könnte das Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) beeinflussen, ein Darmhormon, das den Blutzucker reguliert und Appetit und Übelkeit beeinflussen kann. „Dies ist ein völlig neues Zielmolekül, und seine Funktion in der Schwangerschaft ist noch nicht vollständig geklärt“, so Fejzo.

Mehrere der anderen identifizierten Gene sind an Appetit und Übelkeit sowie an der neuronalen Plastizität beteiligt, also der Fähigkeit des Gehirns, neue Informationen zu lernen und sich anzupassen. Fejzo vermutet, dass das Gehirn lernen könnte, bestimmte Lebensmittel mit Übelkeit zu assoziieren, was während der Schwangerschaft zu starken und anhaltenden Abneigungen führen könnte. Weitere Forschung ist notwendig, um diese Möglichkeit zu untersuchen.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass einige mit HG in Verbindung stehende Gene auch mit anderen Schwangerschaftsausgängen assoziiert sind, darunter eine kürzere Schwangerschaftsdauer und Präeklampsie, eine schwere Blutdruckerkrankung.

Behandlung von Schwangerschaftsübelkeit

Es gibt verschiedene Medikamente zur Behandlung von HG, doch selbst das wirksamste, Zofran, lindert die Symptome nur bei etwa der Hälfte der Patientinnen. Die Ergebnisse zeigen neue potenzielle Behandlungsansätze auf und könnten möglicherweise auch dazu beitragen, bestehende Medikamente anhand des genetischen Profils der Patientinnen besser abzustimmen.

Fejzo und ihr Team haben kürzlich die Genehmigung für eine klinische Studie mit Metformin erhalten, einem weit verbreiteten Diabetesmedikament, das den GDF15-Spiegel erhöht. Die Studie untersucht, ob die Einnahme von Metformin vor der Schwangerschaft Frauen gegenüber dem Hormon desensibilisieren und so möglicherweise Übelkeit und Erbrechen reduzieren oder HG bei Frauen, die bereits daran erkrankt waren, verhindern kann.

(lj/BIERMANN)