Traumatisierten jungen Geflüchteten wirksam helfen8. Juli 2026 Viele unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind psychisch stark belastet. (Foto: © pressmaster – stock.adobe.com) Ergebnisse des Verbundprojektes BetterCare zeigen: Ein gestuftes Versorgungsmodell verbessert die psychische Gesundheit unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter nachhaltig. Unbegleitete minderjährige Geflüchtete haben oft Krieg, Gewalt oder sexuelle Gewalt erlebt und sind häufig schwer traumatisiert. Eine der weltweit größten Studien zur psychischen Versorgung dieser besonders vulnerablen Gruppe zeigt nun, wie sich ihre psychische Gesundheit wirksam verbessern lässt. Ergebnisse des Verbundprojektes BetterCare, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt koordiniert wurde, belegen: Ein gestuftes Versorgungsmodell mit frühzeitigem Screening, niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten und evidenzbasierter Traumatherapie reduziert die posttraumatischen Belastungssymptome stärker als die bisherige Regelversorgung. Passgenaue Hilfe verbessert die psychische Gesundheit Für die Studie begleiteten die Forschenden 627 unbegleitete minderjährige Geflüchtete aus 58 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in sieben deutschen Bundesländern. Die Jugendlichen stammten aus 40 Herkunftsländern und berichteten im Durchschnitt von sechs traumatischen Erlebnissen. Fast die Hälfte (43 %) wies klinisch relevante Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Viele litten zusätzlich unter Depressionen oder Angstsymptomen. Kern des Projektes BetterCare ist ein gestuftes Versorgungsmodell, das die Behandlung am Schweregrad der psychischen Belastung ausrichtet. Nach einem standardisierten aufsuchenden Screening in der Jugendhilfeeinrichtung erhielten alle Jugendlichen eine individuelle Behandlungsempfehlung. Jugendliche mit milden bis moderaten Symptomen wurde eine Teilnahme am traumapädagogischen Gruppenprogramm „Mein Weg“ angeboten. Das Programm wurde an der Universitätsklinik Ulm in enger Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe in einer Vorstudie von BetterCare entwickelt. Die Gruppensitzungen fanden direkt in den Wohneinrichtungen statt und wurden von geschulten Fachkräften der Jugendhilfe durchgeführt. Jugendliche mit klinisch relevanten Symptomen erhielten eine evidenzbasierte traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Verglichen wurde dieser Ansatz mit der bisher gängigen Regelversorgung. Nach zwölf Monaten zeigte sich: Die Jugendlichen im BetterCare-Modell verzeichneten eine signifikant stärkere Verringerung ihrer posttraumatischen Belastungssymptome als die Vergleichsgruppe. Auch depressive Symptome und Angstsymptome reduzierten sich stärker als in der Regelversorgung. Wirksame Hilfe braucht ein starkes Netzwerk „Viele unbegleitete minderjährige Geflüchtete (…) tragen eine enorme psychische Belastung mit sich. Unsere Studie zeigt, dass wir ihnen mit einem gestuften Versorgungsmodell wirksam helfen können. Entscheidend sind dabei eine frühzeitige aufsuchende Diagnostik, passgenaue Unterstützungsangebote und die enge Zusammenarbeit von Jugendhilfe, Psychotherapie und Dolmetschenden“, erklärt Prof. Cedric Sachser, Professor für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie an der Universität Bamberg und Koautor der Studie. Das Projekt lief über sieben Jahre und konnte nach dem Wechsel Sachsers von der Uniklinik Ulm an die Universität Bamberg erfolgreich zu Ende geführt werden. Studie zeigt Hürden in der Versorgung Die Untersuchung wurde unter realen Bedingungen des Versorgungssystems durchgeführt. In die Projektlaufzeit fielen unter anderem die Corona-Pandemie, der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan sowie weitere Belastungen, mit denen die Jugendlichen während ihrer Integration konfrontiert waren. Dass sich ihre psychische Gesundheit dennoch messbar verbesserte, unterstreicht die Praxistauglichkeit des Versorgungsmodells. Die Studie machte zugleich deutlich, dass wirksame Behandlungsangebote allein nicht ausreichen: Obwohl vielen Jugendlichen eine traumafokussierte Psychotherapie empfohlen wurde, nahm nur etwa die Hälfte das Angebot wahr. Gründe dafür waren unter anderem Unsicherheiten im Aufenthaltsstatus, mangelnde Vertrautheit mit psychotherapeutischen Angeboten oder praktische Hürden im Alltag. Umso wichtiger seien niedrigschwellige Angebote wie das Gruppenprogramm „Mein Weg“, betont Sachser: „Sie können Jugendlichen in ihrem vertrauten Umfeld einen ersten Zugang zu psychotherapeutischer Unterstützung eröffnen und den Weg in weiterführende Hilfsangebote erleichtern. Forschung mit langfristiger Wirkung BetterCare wirkt auch über die Projektlaufzeit hinaus: Das Gruppenprogramm „Mein Weg“ wird in zahlreichen Jugendhilfeeinrichtungen weiter eingesetzt. Zudem wurden Fachkräfte aus Jugendhilfe und Psychotherapie geschult, gemeinsam sektorübergreifende Barrieren abzubauen und traumfokussierte Angebote in der Versorgung zu implementieren.
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