Urologie unter Druck – aber nicht hilflos

BvDU-Präsident Axel Belusa auf der Pressekonferenz zum 78. DGU-Kongress am 16.09.2026 in Düsseldorf. Foto Schmitz

„Die Zeiten des Altruismus sind vorbei!“ Mit dieser Aussage bekräftigte Dr. Axel Belusa, Präsident des Berufsverbands der Deutschen Urologie (BvDU), beim 78. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) in Düsseldorf die neue Linie der Berufspolitik. Vor Ort wurde der Berufsverband konkret und empfahl seinen Mitgliedern, verstärkt auf Selbstzahlerleistungen und Privatabrechnungen zu setzen. Im Klinikbereich setzt er auf ambulant-stationäre Kooperation.

Von Markus Schmitz

Die „Spargesetze treffen die Urologie mit voller Wucht“, betonte der Berufsverband vorab per Pressemitteilung. „Besonders kritisch ist die Gleichzeitigkeit der Reformen.“ Schwierige Personalplanung, wachsende Dokumentationslast, Unsicherheit bei den Hybrid-DRGs, Druck auf die Terminvergabe und die Frage, wie viel GKV-Leistung künftig wirtschaftlich noch darstellbar sei, machten den Kollegen zu schaffen, berichtet der BvDU.

Regressgefahr steigt durch Paragraphenänderung

Darüber hinaus sähen sich viele Urologen mit Regressen konfrontiert. „Die Streichung des § 130b Abs. 2 SGB V und die Änderung des § 130 SGB V bedeutet, dass jede Verordnung eines nicht generischen onkologischen Präparates zukünftig mit einem Prüfverfahren oder mit einem Regress bedroht werden kann“, erläuterte Belusa beim Kongress. „Wer im Einzelfall leitliniengerecht behandelt, muss sich nicht nachträglich wie ein Kostenverursacher behandeln lassen. Das Instrument der Wirtschaftlichkeitsprüfung darf nicht zur Abschreckungsmaschine gegen moderne urologische Versorgung werden“, betonte der BvDU-Präsident. „Wenn das so kommt, werden zukünftig Leitlinien nur noch eine Selbstbeschäftigung für wissenschaftlich Interessierte sein.“

Konkrete Maßnahmen unter dem Sparzwang

„Die Botschaft der Politik lautet: mehr Aufgabe, weniger Geld, mehr Risiko. Das ist kein tragfähiges Versorgungskonzept“, macht der Berufsverband klar. Die Antwort, „so einfach, wie brutal: Wenn die gesetzliche Krankenversicherung weniger Geld ausgibt, können Praxen nicht unbegrenzt weiter Leistungen erbringen“. Konkret bedeute das für urologische Praxen: „Terminmanagement professionalisieren. Offene Kapazitäten medizinisch priorisieren. Nicht dringliche Leistungen planbar organisieren. Unbezahlte Zusatzlasten identifizieren. Selbstzahlerleistungen und Privatsprechstunden rechtssicher kommunizieren, Selektivverträge nutzen. Abrechnung prüfen. GOÄ-Spielräume sauber anwenden.“

Im stationären Bereich stehen die urologischen Kliniken „mitten in der größten Strukturverschiebung seit Einführung der DRG“, betont der Berufsverband. Dies bedeute weniger Sicherheit, mehr Steuerung, mehr Nachweispflichten bei gleichzeitig weniger Geld – „mit dramatischen Folgen für Weiterbildung und den urologischen Nachwuchs“.

Ab 2030 greife zusätzlich eine neue Vorhaltevergütung, bei der ein erheblicher Teil der Krankenhausfinanzierung an zugelassene Leistungsgruppen und Mindestvorhaltezahlen gekoppelt wird, erinnert der BvDU. Die bisherigen Fallpauschalen werden im Gegenzug um die ausgegliederten Kostenanteile abgesenkt. „Für urologische Abteilungen heißt das: Wer die Qualitätskriterien und Mindestfallzahlen nicht erfüllt, riskiert den Verlust ganzer Leistungsgruppen – und damit der Erlöse.“

Bringen Kooperation und Ambulantisierung die Lösung?

Für den Berufsverband stehen jetzt die Zeichen auf Kooperation: „Um handlungsfähig zu bleiben, müssen urologische Kliniken ihr urologisches Leistungsprofil aktiv überprüfen. Die erste Frage lautet: Welche Leistungsgruppen sichern den Standort? Welche Kooperationen sind notwendig? Welche Leistungen gehören stationär, welche ambulant, welche in sektorengleiche Vergütung und welche in Spezialstrukturen? Wer diese Fragen erst stellt, wenn Bescheide und Budgets Fakten schaffen, kommt zu spät.“

Als zentralen Hebel sieht der BvDU die Ambulantisierung. Kliniken müssten ambulante OP-Strukturen professionell aufstellen: „klare Indikationspfade, Kostenträgerprüfung, Sachkostencontrolling, Entlassmanagement, Kooperation mit niedergelassenen Urologinnen und Urologen und ein konsequentes Monitoring der Wirtschaftlichkeit”. Ambulantisierung dürfe nicht bedeuten: „gleiche Leistung, gleiches Risiko, weniger Erlös“.

ASV: Totgesagte leben länger

Auch die häufig totgesagte ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) sieht der BvDU weiterhin als mögliche Lösung, insbesondere bei urologischen Tumoren. Die ASV sei für geeignete Standorte ein starkes Instrument, um komplexe uroonkologische Versorgung sektorenübergreifend, qualitätsgesichert und wirtschaftlich besser planbar zu organisieren. „Entscheidend ist dabei die Teamstruktur: Klinik und Vertragsarztseite müssen zusammenarbeiten. Wer ASV nur als Abrechnungsvehikel versteht, scheitert. Wer sie als Versorgungsnetz baut, gewinnt“, betont der Berufsverband.

Als Fazit des Kongresses sieht der BvDU: „Klinik und Praxis dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen. Wenn stationäre Fälle ambulant werden, brauchen Praxen und Kliniken tragfähige Strukturen.“ Der Verband trete dafür ein, „dass urologische Klinikversorgung nicht zwischen Reformen und Spargesetz zerrieben wird. Transformation braucht Finanzierung. Alles andere ist Versorgung auf Verschleiß“.

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