Verhindern, dass Kinder zur Zigarette greifen

Marina Hinßen, Prof. Gertraud Stadler und Prof. Volkmar Falk (v. l. n. r.) bei der Vorstellung des Rauchpräventionsprojekts „nachvorn“ (Quelle: © Charité | Artur Krutsch)

Seit 2021 hat sich der Anteil der rauchenden 14- bis 17-Jährigen fast verdoppelt, und rund jedes vierte Schulkind hat schon einmal Erfahrungen mit E-Zigaretten gemacht. An manchen Schulen ist dies bereits in der fünften Klasse weit verbreitet, beobachteten Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Daher setzt ihr neues Präventionsprogramm „nachvorn“ bei den Zehn- und Elfjährigen an.

Rund 16 Prozent der 14- bis 17-jährigen Jugendlichen rauchen laut den Ergebnissen der DEBRA-Studie von 2022. Im Jahr davor waren es noch 8,7 Prozent. Noch stärker angestiegen ist der Konsum von E-Zigaretten beziehungsweise Vapes und anderen alternativen Rauchprodukten, wie der DAK-Präventionsradar zeigt: Im Jahr 2023 griffen demzufolge erstmals mehr Schülerinnen und Schüler regelmäßig zur E-Zigarette als zu herkömmlichen Zigaretten.

„Anders als Tabakzigaretten sind Vapes bunt, riechen angenehm und schmecken süß“, erklärt die Leiterin des Rauchpräventionsteams Marina Hinßen die Attraktivität von E-Zigaretten für Kinder. „Bei unseren ersten Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern wurde deutlich, dass es bereits unter Jüngeren einen richtigen Hype um diese Produkte gibt.“ Besonders groß ist den Angaben des Robert Koch-Instituts zufolge der Anteil der rauchenden Jugendlichen aus Elternhäusern mit niedrigerem sozioökonomischen Status.

Dabei sind die gesundheitlichen Folgen des Rauchens von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenschäden bis zu Krebs hinreichend bekannt. „Rauchen ist immer noch der größte Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, betont Prof. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) und Schirmherr des Projekts. „Auch E-Zigaretten und andere alternative Rauchprodukte bergen Gesundheitsrisiken, da beim Verdampfen gesundheitsschädliche, teils krebserzeugende Stoffe in den Körper gelangen.“ Außerdem gelten E-Zigaretten für viele Experten als erster Schritt auf dem Weg zum regelmäßigen Konsum von Tabakzigaretten.

Vorteile eines rauchfreien Lebens erfahrbar machen 

„Die neuen Zahlen zum Rauchen und die prognostizierten Gesundheitsfolgen sind ein klares Signal, wie notwendig unser Präventionsprojekt ist“, betont Prof. Gertraud Stadler, die das Projekt und den Arbeitsbereich Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité leitet. „Denn je früher Kinder und Jugendliche mit dem Rauchen beginnen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie abhängig werden und noch als Erwachsene regelmäßig rauchen werden.“

Um das zu verhindern, hat ihr interdisziplinäres Team ein neues Präventionsprogramm für die fünften Klassen entwickelt. In drei Workshops wird sowohl über die Gesundheitsrisiken des Rauchens aufgeklärt als auch das Selbstvertrauen der Kinder und ihre Problemlösungskompetenz gestärkt. „Anders als im Biologieunterricht geht es nicht nur um die Vorgänge im Körper. Die Kinder entdecken in Experimenten, Gruppendiskussionen und Rollenspielen selbst, was sie gewinnen, wenn sie rauchfrei bleiben“, sagt Marina Hinßen.

Identifikationsfiguren unterstützen mit Tipps und kreativen Ideen

Hier kommen dann bekannte Persönlichkeiten aus den Bereichen Sport, Film und Social Media ins Spiel: Mit ihren eigens für das Projekt erstellten Videos geben sie den Schülern Tipps und eine besondere Kreativ-Challenge mit auf den Weg. Mit dabei sind unter anderem Ludwig Brix, Schauspieler am GRIPS Theater in Berlin und bekannt aus der ARD-Serie „All You Need“, die Olympia-Seglerin Anna Marktfort, die Kajak-Sportlerinnen Lena Röhlings und Pauline Jagsch sowie die YouTuberin Alicia Joe.

Ihre Videobotschaften sind auch Bestandteil der beiden weiteren Workshops, bei denen es vor allem darum geht, die Schüler bei der Umsetzung ihrer Vorhaben mental zu unterstützen. „Gruppendruck ist ein wichtiges Thema“, erläutert Hinßen. „Wir vermitteln, wie es gelingt, das zu tun, was sich richtig anfühlt – und nicht das, was andere wollen oder die Werbung als vermeintlich cool darstellt.“ Außerdem bekommen die Teilnehmenden Strategien vermittelt, wie sie Probleme besser lösen können und wie sie mit Stress umgehen können – ohne zur Zigarette zu greifen.

Mädchen und Jungen rauchen aus unterschiedlichen Gründen

Dabei berücksichtigt das Team auch, dass es bei Jungen und Mädchen unterschiedliche Gründe gibt, zu rauchen: „Wir haben in einer ersten Forschungsarbeit in Vorbereitung des Projekts untersucht, warum Kinder und Jugendliche überhaupt rauchen. Dabei hat sich gezeigt, dass es bei Jungs oft um Coolness, Status und Dazugehören geht, während bei Mädchen eher Stress- oder Problembewältigung als Grund genannt werden“, erklärt Hinßen. Diese geschlechterspezifischen Faktoren werden während des Projekts aufgegriffen, indem beide Gruppen im Umgang mit Stress und den Erwartungen anderer angesprochen und geschult werden.

In der begleitenden Studie zum Projekt wollen die Forschenden herausfinden, ob es bei den präventiven Effekten geschlechterspezifische Unterschiede gibt, erläutert Hinßen: „Haben wir Mädchen oder Jungen besser erreicht? Wie hat es bei beiden geklappt und woran könnte das liegen? Hat es wirklich mit den angenommenen Risikofaktoren zu tun? All das sollen die Ergebnisse der Studie zeigen.“

Das Projekt „nachvorn“ wird von der Deutschen Herzstiftung mit rund 350.000 Euro gefördert. Die Stiftung, die sich für die Tabak- und Suchtprävention einsetzt, möchte damit das Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen dafür schärfen, dass sie mit dem Verzicht auf das Rauchen ihr Herz und ihre Gefäße schützen.

Über das Projekt und die wissenschaftliche Evaluation

Das Projekt „nachvorn“ wird von einem interdisziplinären Projektteam der Einrichtung Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité entwickelt, koordiniert und betreut. Die Workshops zur Rauchprävention sollen bis Mitte 2025 an über 26 Schulen in Berliner Bezirken mit hoher soziostruktureller Belastung durchgeführt werden. In einer Cluster-randomisierten kontrollierten Studie werden die Effekte des Programms auf die Absicht, rauchfrei zu bleiben, und auf das tatsächliche Rauchverhalten erhoben. Zudem sind Follow-up-Befragungen geplant, um die Nachhaltigkeit der Interventionseffekte zu untersuchen.