Von Angesicht zu Angesicht1. Juni 2021 Modell eines menschlichen Gehirns, im Hintergund eine Versuchsperson mit EEG-Elektroden-Kappe. (Foto: Jens Meyer/Uni Jena) Das menschliche Gehirn merkt sich Gesichter nach einem persönlichen Treffen besser als nach dem Betrachten von Fotos oder Videos. Das haben NeurowissenschaftlerInnen der Universität Jena herausgefunden. Mithilfe von EEG-Daten zeigen sie, dass sich die Vertrautheit eines Gesichts im Gehirn des Betrachters messbar intensiver verankert, wenn es persönlich wahrgenommen wird. Gesichter erkennen und sich merken, das ist für den Menschen seit Beginn seiner Evolution überlebenswichtig: Schon im Babyalter erkennen wir vertraute Personen und lernen zeitlebens weitere hinzu. Zu erkennen, wer der eigenen Sippe angehört, wer uns wohl gesonnen ist und wer nicht, hilft im persönlichen Umgang und stabilisiert das soziale Gefüge – damals wie heute. Bis zum Erwachsenenalter hat ein Mensch so durchschnittlich 5000 Gesichter kennengelernt und kann sie von unbekannten unterscheiden. „Trotz intensiver Forschungsarbeit wissen wir jedoch immer noch wenig darüber, wie sich die neuronalen Repräsentationen im Gehirn entwickeln, wenn uns jemand vertraut wird“, sagt Prof. Gyula Kovács. Um diese Vorgänge besser zu verstehen, haben der Neurowissenschaftler und sein Team für die vorgelegte Studie EEG-Experimente durchgeführt. Darin haben sie ProbandInnen in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe bekam Fotos von Prominenten gezeigt, die sie nicht kannten. Die zweite Gruppe musste sich eine Fernsehsendung mit unbekannten SchauspielerInnen ansehen. Eine dritte Gruppe unterhielt sich mit zwei Labormitgliedern persönlich. Dabei zeichneten die Forscher die Gehirnaktivität der Probanden auf, während sie Fotos der Prominenten, der Schauspieler oder der Labormitglieder betrachteten. Die EEG-Untersuchungen lieferten wichtige Hinweise darüber, wie sich die Repräsentationen im Gehirn verändern, wenn wir ein Gesicht kennenlernen. Bereits nach circa 400 Millisekunden – weniger als einer halben Sekunde – zeigen sich über den rechten temporalen Kortex messbare Gehirnaktivitäten, ein Zeichen dafür, dass Gesichter als „bekannt“ wahrgenommen werden. Das Ausmaß der Vertrautheit (der Ausschlag des EEG-Signals) war jedoch abhängig davon, wie die ProbandInnen die Gesichter gezeigt bekommen haben: Es war besonders stark sichtbar nach dem persönlichen Kontakt, schwächer nach der Fernsehsendung und nicht messbar nach dem Betrachten von Fotos. „Wenn wir das Gesicht einer Person sehen, wissen wir oft sofort, ob wir sie schon einmal gesehen haben oder nicht“, ordnet Kovács die Ergebnisse ein. „Unsere Experimente zeigen, dass sich dieses Gefühl der Vertrautheit besonders stark und dauerhaft nach einer persönlichen Begegnung einprägt.“ Wollen wir einander also wirklich kennenlernen, so das Fazit der Forschenden, müssen wir uns persönlich treffen. Originalpublikation: Ambrus GG et al. Getting to know you: emerging neural representations during face familiarization. Journal of Neuroscience, 2021
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