Vorhofflimmern: Geschlecht verliert an Gewicht in der Schlaganfall-Risikobewertung

Laut den Ergebnissen einer großangelegten Kohortenstudie ist das weibliche Geschlecht im Alter von unter 75 Jahren kein unabhängiger Risikofaktor für einen Schlaganfall bei Vorhofflimmern. (Symbolfoto: ©Graphicroyalty/stock.adobe.com)

Neue Daten zu Vorhofflimmern stützen die Annahme, dass das weibliche Geschlecht unter 75 Jahren kein unabhängiger Risikofaktor für einen Schlaganfall ist. Die Ergebnisse untermauern die aktuellen ESC-Empfehlungen, die das Geschlecht nicht mehr als eigenständigen Faktor in der Risikostratifizierung berücksichtigen.

Von: Dr. Aileen Hochhäuser

Lange galt das weibliche Geschlecht bei Patienten mit Vorhofflimmern als unabhängiger Risikofaktor für thromboembolische Ereignisse. Im etablierten Risikoscore CHA2-​DS2-VASc wird dies durch einen eigenen Punkt berücksichtigt. Da leitlinienbasiert ab einem Score von ≥2 eine orale Antikoagulation (OAK) empfohlen wird, bedeutete dies praktisch eine OAK-Indikation für alle Frauen ab 65 Jahren (1 Punkt für das Geschlecht, 1 Punkt für das Alter).

Internationale Leitlinien variieren bei der Berücksichtigung des Geschlechts

Angesichts des mit der OAK verbundenen Blutungsrisikos wird diese Praxis jedoch zunehmend hinterfragt. Neuere Daten sprechen dafür, dass das weibliche Geschlecht eher als Risikomodifikator denn als unabhängiger Risikofaktor zu werten ist. Dies spiegelt sich in der aktuellen Leitlinie der European Society of Cardiology (ESC, 2024) wider: Zur Risikostratifizierung wird nun der CHA2-​DS2-VA-Score empfohlen, der das Geschlecht nicht mehr als eigenständigen Faktor berücksichtigt. Demgegenüber halten US-Leitlinien weiterhin am CHA2-​DS2-VASc-Score fest – mit der möglichen Konsequenz einer Übertherapie von Patientinnen mit Vorhofflimmern.

Eine kürzlich in „JACC: Advances“ publizierte Studie stützt die ESC-Position. „Unsere Studie zeigt, dass jüngere Frauen möglicherweise kein so hohes zusätzliches Schlaganfallrisiko haben wie bislang angenommen, während ältere Frauen, insbesondere über 75 Jahre, ein erhöhtes Risiko aufweisen, das besondere Aufmerksamkeit erfordert“, erklärt Koautor Dr. Amitabh C. Pandey, Leiter der Abteilung für translationale kardiovaskuläre Forschung an der Tulane University School of Medicine (New Orleans, USA).

Erhöhtes Schlaganfallrisiko bei Frauen zeigt sich erst ab 75 Jahren

Auf Basis der großen, anonymisierten Gesundheitsdatenbank TriNetX analysierten die Forschenden Daten von rund 950.000 Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern. Damit handelt es sich um die bisher größte Studie, die das weibliche Geschlecht als Risikomodifikator bzw. Risikofaktor für das Schlaganfallrisiko untersucht. Die Schlaganfallinzidenz wurde zwischen Männern und Frauen in drei Altersgruppen verglichen (<65 Jahre, 65–74 Jahre, ≥75 Jahre). Mittels Propensity-Score-Matching erfolgte eine Adjustierung für Alter, Komorbiditäten und Antikoagulation, um vergleichbare Kollektive zu generieren.

Bei Patientinnen und Patienten unter 75 Jahren zeigte sich kein signifikanter Unterschied im Ein-Jahres-Schlaganfallrisiko zwischen den Geschlechtern. In der Altersgruppe ≥75 Jahre hingegen hatten Frauen ein geringfügig, jedoch statistisch signifikant erhöhtes Risiko. Bei Fehlen weiterer Risikofaktoren außer dem Alter entsprach dies etwa einem zusätzlichen Schlaganfall pro 629 Patientinnen im Vergleich zu Männern. Auch bei Vorliegen eines weiteren CHA2-​DS2-VA-Risikofaktors war das Risiko bei Frauen ab 75 Jahre leicht erhöht.

„Diese Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an modernen, individualisierten Instrumenten zur Risikostratifizierung“, so Pandey. Ziel sei es, diejenigen Patientinnen und Patienten präziser zu identifizieren, die tatsächlich von einer Antikoagulation profitieren – und Schaden von jenen abzuwenden, die dies nicht tun.

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