MCC Vorurteile und mangelndes Wissen: Warum die Ärzteschaft Cannabis ablehnt27. Mai 2026 Symbolbild: Vitalii Vodolazskyi/stock.adobe.com Auch heute noch steht ein Teil der Ärzteschaft dem Konsum von medizinischem Cannabis kritisch oder gar ablehnend gegenüber. Der britische Wissenschaftler Prof. David Nutt sieht in Unwissenheit und Vorurteilen die Hauptgründe für diese Haltung. von Prof. Dr. David Nutt Cannabis ist eines der ältesten Heilmittel der Welt und wurde bereits mehrere Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung sowohl in der chinesischen als auch in der indischen Medizin eingesetzt. Seine Wirksamkeit war im 19. Jahrhundert weithin anerkannt – sogar Königin Victoria von England zählte zu den Anhängern1. Medizinisches Cannabis – zu Unrecht in Verruf? Im Jahr 1933 führte die Aufhebung des Alkoholverbots jedoch dazu, dass Cannabis als alternative Droge angesehen wurde, auf welche sich nun Drogenfahnder fokussierten, deren Aufgabe zuvor im Durchsetzen des Alkoholverbots bestand. Cannabis wurde 1934 in den USA aus den Arzneibüchern gestrichen – eine Maßnahme, der sich der größte Teil der Welt anschloss, nachdem diese vom Völkerbund gebilligt und später von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übernommen worden war. Erst 2018 wurde der Beschluss der WHO aufgehoben, der jedoch noch vom United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) anerkannt werden muss. Trotz der Vielzahl der aus Forschungsstudien und persönlichen Berichten stammenden Evidenzen über den medizinischen Nutzen von Cannabis besteht das Verbot in den meisten Ländern weiterhin – oft mit schwerwiegenden Konsequenzen für überführte Konsumenten. Derzeit erlauben weltweit etwa 30 Länder die Verschreibung von medizinischem Cannabis, doch selbst in diesen Ländern ist der Zugang in der Regel auf Selbstzahler beschränkt, wodurch der Mehrheit der eigentlich berechtigten Patienten der Zugang verwehrt bleibt. So ist beispielsweise im Vereinigten Königreich medizinisches Cannabis seit dem Jahr 2018 zugelassen, doch gab es im staatlichen Gesundheitsdienst NHS (National Health Services) bislang nur zehn Verschreibungen dafür. Aktuellen Schätzungen zufolge bezahlen etwa 100.000 Menschen für private Verschreibungen und über eine Million Personen konsumieren illegale Cannabisprodukte mit den damit verbundenen Risiken einer unbekannten Qualität und einer strafrechtlichen Verfolgung. Darüber hinaus hat die überwiegende Mehrheit der britischen Ärzte wenig Wissen über oder Interesse an der Verschreibung von medizinischem Cannabis, wobei viele entweder die Verwendung ablehnen oder ihren Patienten im Allgemeinen von einer Nutzung abraten. Aber warum ist das so? Unkenntnis und Vorurteile bestärken Teufelskreis Hierbei spielen mehrere unabhängige Faktoren eine Rolle: Der erste ist eine tiefgreifende Unkenntnis über den medizinischen Nutzen von Cannabis. Wir gehen davon aus, dass es in Großbritannien keine medizinische Fakultät gibt, an der dieses Thema vermittelt wird. Cannabis wird lediglich in Kursen zur Sucht und Drogenabhängigkeit erwähnt. Zweitens dreht sich die Botschaft der britischen Regierung zum Thema Cannabis ausschließlich um das Verbot. Dies zielt darauf ab, Konsumenten zu bestrafen und den Verbrauch gezielt einzudämmen, indem mit Hinweisen auf mögliche Schäden Ängste ausgelöst werden. Anders als beabsichtigt hat diese Politik dazu geführt, dass für den illegalen Markt der d9THC(Delta-9-Tetrahydrocannabinol)-Gehalt in Straßenprodukten von den bislang üblichen vier bis sechs Prozent d9THC plus einer ähnlichen Menge Cannabidiol auf mehr als 15 Prozent d9THC und null Cannabidiol verändert wurde. Als Konsequenz stieg die Anzahl von Abhängigkeiten und Psychosen an, wobei diese Auswirkungen dann als unvermeidliche Folgen des Cannabiskonsums angesehen werden. Diese Situation wird genutzt, um die anhaltende Unterdrückung des Freizeitkonsums durch die britische Regierung zu rechtfertigen, verstärkt aber auch die Ansicht der Ärzteschaft, dass Cannabis schädlich sei, ohne dass sie wissen, dass sich die Produkte stark von denen der 1960er- und 1970er-Jahre unterscheiden. Dieser Teufelskreis hat sich so weit entwickelt, dass Cannabis die häufigste illegale Droge darstellt, für die sich Menschen in Behandlung begeben. Dies wiederum bestärkt Ärzte in ihrer Vorurteilshaltung gegenüber dem medizinischen Wert von Cannabis, obwohl es kaum Belege dafür gibt, dass der medizinische Cannabiskonsum zu Abhängigkeit (oder gar zu Psychosen) führt. Fokus auf schädliche Wirkung statt medizinischen Nutzen Darüber hinaus hat sich die Behandlung einer Cannabisabhängigkeit für eine große Zahl von Therapeuten und Ärzten zu einem Spezialgebiet entwickelt, die ihre fortgesetzte Finanzierung rechtfertigen, indem sich diese gegen den Cannabiskonsum einsetzen und ihre Kollegen ausschließlich über Folgeschäden unterrichten. Auch der Großteil der staatlichen Forschungsförderung befasst sich mit den schädlichen Folgen des Cannabiskonsums. Die Erforschung medizinischer Indikationen blieb der Pharmaindustrie überlassen, die jedoch kaum Mittel für umfangreiche Forschung aufbringen konnte, mit Ausnahme bestimmter Extrakte/Kombinationen wie Sativex. Die Forschung zu medizinischen Vollspektrum-Cannabisprodukten ist stark eingeschränkt, da Unternehmen solche Produkte nicht patentieren können. Dies führt letztlich dazu, dass keine Studienmittel zur Erlangung einer Marktzulassung für eine bestimmte Indikation beschafft werden können, da Investoren ein solches Produkt nicht gegen Wettbewerber erfolgreich verteidigen können. Viele Ärzte beziehen ihr Wissen über Arzneimittel von Vertretern der Arzneimittelindustrie. Da es für Medizinalcannabis keine speziell geschulten Pharmareferenten gibt, bleibt diese Unwissenheit bestehen. Zudem sind viele Ärzte der (falschen) Überzeugung, dass nur Forschungsdaten, die von einer Zulassungsbehörde (z. B. der Medicines and Healthcare products Regulatory Agency [MHRA] in Großbritannien oder der Food and Drug Administration [FDA] in den USA) für eine Marktzulassung genehmigt wurden, wissenschaftlich fundiert sind. Die auf Schadensrisiken fokussierten Interessengruppen verzerren zudem eine Bewertung des Nutzens von medizinischem Cannabis, indem sie Studien mit wirklichkeitsnahen Daten und Real-World-Evidenzen außer Acht lassen und nur randomisierte kontrollierte Studien anerkennen. Da es für Vollspektrum-Produkte aus medizinischem Cannabis nur sehr wenige solcher klinischen Arbeiten gibt, wird dadurch die Polemik über den „Mangel an Beweisen“ weiterhin aufrechterhalten. Ein bedenkliches Beispiel hierfür ist die aktuelle Veröffentlichung von Wilson et al.2. In seinem Vortrag wird Prof. Nutt diese Themen vertiefen und Wege aufzeigen, wie die Situation zum Wohle der Patienten verbessert werden könnte. Der Vortrag findet am 28.05.2026 von 13:30−14:15 Uhr am CVK in Forum 3 statt. Prof. Dr. David Nutt ist ein britischer Psychiater und Psychopharmakologe. Derzeit ist er Leiter der Einheit für Neuropsychopharmakologie in der Abteilung für Hirnwissenschaften am Imperial College London (Großbritannien). Referenzen 1. Nutt D, 2022. Cannabis: Seeing through the Smoke, ISBN-13: 9781529360523. 2. Wilson J et al. Lancet Psychiatry 2026;13(4):304−315.
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