Was Zweisprachigkeit über unser Gehirn verrät

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Anlässlich des Welttags des Gehirns am 22. Juli erklärt Prof. Patric Meyer von der SRH University, wie sich Zweisprachigkeit auf das Gehirn auswirkt und welche Rolle das Erlernen einer Fremdsprache im Alter spielt.

Sprachwechsel gehört für viele mehrsprachige Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag: Zu Hause wird vielleicht eine andere Sprache gesprochen als im Beruf, mit Freundinnen und Freunden wechseln einzelne Wörter oder ganze Satzteile zwischen zwei Sprachen. Was manchmal wie ein zufälliges Mischen wirkt, ist aus wissenschaftlicher Sicht eine bemerkenswert flexible Form der Kommunikation. Das sogenannte Code-Switching – der Wechsel zwischen zwei Sprachen innerhalb eines Gesprächs oder sogar eines Satzes – eröffnet spannende Einblicke in die Arbeitsweise unseres Gehirns. Es zeigt, wie präzise Sprache an Situation, Gegenüber und Kommunikationsziel angepasst wird.

„Code-Switching ist kein Sprachfehler und kein Zeichen mangelnder Kompetenz. Es ist eine flexible Kommunikationsform, mit der sich Sprecherinnen und Sprecher an Gesprächspartnerinnen und -partner, soziale Situation und kommunikatives Ziel anpassen“, erklärt Patric Meyer, Professor für Kognitive Neurowissenschaften im Bachelor- und Master-Studiengang Psychologie an der SRH University. „Mehrsprachige Menschen wählen nicht einfach Wörter aus zwei Wörterbüchern aus. Sie steuern fortlaufend, welche Sprache wann passend ist.“

Was im Gehirn passiert

Gerade diese Steuerungsprozesse interessieren die Kognitionspsychologie. Wer regelmäßig zwei Sprachen nutzt, muss passende Wörter aktivieren, konkurrierende Sprachinformationen kontrollieren und flexibel zwischen den Sprachen wechseln. Dabei sind sogenannte exekutive Funktionen gefragt – mentale Prozesse, die Aufmerksamkeit lenken, störende Informationen unterdrücken und den Wechsel zwischen Aufgaben ermöglichen.

Die Forschung zeigt allerdings auch: Der oft zitierte Satz „Zweisprachigkeit macht schlau“ greift zu kurz. Einerseits können bilinguale ältere Erwachsene in einzelnen Bereichen wie der Inhibition, also der kognitiven Fähigkeit, bestimmte Reaktionen zu kontrollieren oder zu unterdrücken, Vorteile zeigen. In anderen Aufgaben – beispielsweise der Wortflüssigkeit – können sie aber auch schlechter abschneiden. Entscheidend ist daher nicht allein, ob jemand zwei Sprachen spricht, sondern wie und in welchen Situationen sie genutzt werden.

Vorteile – aber nicht überall

Forschung von Meyer und Kolleginnen mit türkisch-deutsch bilingualen jungen Erwachsenen bestätigt dieses differenzierte Bild. Die bilingualen Teilnehmenden zeigten Vorteile bei Aufgabenwechseln, also bei der kognitiven Flexibilität. Monolinguale Teilnehmende schnitten dagegen im Arbeitsgedächtnis besser ab, während sich bei der Aufmerksamkeit keine bedeutsamen Unterschiede zeigten.

„Das Gehirn zahlt nicht einfach überall denselben Gewinn aus“, erläutert Meyer. „Mehrsprachigkeit scheint bestimmte Kontrollprozesse zu trainieren oder zu prägen, andere Bereiche aber nicht automatisch zu verbessern.“

Code-Switching realitätsnah erforschen

Lange wurde Code-Switching vor allem aus sprachwissenschaftlicher Sicht untersucht. Heute interessiert zunehmend, welche Kontrollprozesse im Gehirn beteiligt sind. Eine Übersichtsarbeit von Meyer und Kolleginnen zeigt, dass es sehr unterschiedliche Formen des Sprachwechsels gibt – vom einzelnen eingefügten Wort bis hin zu dichten Formen der Sprachmischung. Diese stellen vermutlich unterschiedliche Anforderungen an das Gehirn.

Deshalb erfasste die Studie das Code-Switching bei türkisch-deutscher Zweisprachigkeit in einem interaktiven Szenenbeschreibungsspiel. Dabei zeigte sich: Wie häufig und in welchen Situationen die Teilnehmenden zwischen Deutsch und Türkisch wechselten, hing mit ihrer Leistung bei Aufgaben zusammen, die Konzentration und den Umgang mit Ablenkungen messen. Dieser Zusammenhang war besonders deutlich in einem Test zur Aufmerksamkeitskontrolle. Auch das spricht gegen einfache Schwarz-Weiß-Aussagen: Sprachwechsel ist weder grundsätzlich ein Vorteil noch ein Nachteil, sondern beansprucht je nach Situation unterschiedliche kognitive Prozesse.

Bedeutung für Diagnostik und gesundes Altern

Mehrsprachigkeit spielt auch in der neuropsychologischen Diagnostik eine wichtige Rolle. In einer Studie mit deutschen, türkischen und türkischstämmigen Alzheimer-Betroffenen zeigte Meyer gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, dass Bildung und sprachlicher Hintergrund die Ergebnisse kognitiver Tests beeinflussen können. Kultursensible Verfahren erwiesen sich dabei als weniger anfällig für solche Einflüsse. Für die Praxis bedeutet das: Bei älteren Menschen mit Migrations- oder Mehrsprachigkeitserfahrung müssen Testergebnisse besonders sorgfältig eingeordnet werden.

Auch das Fremdsprachenlernen im Alter wurde untersucht. Ein intensiver Spanischkurs führte nicht generell zu besseren kognitiven Leistungen. Personen mit geringerer kognitiver Ausgangsleistung zeigten jedoch Hinweise auf Verbesserungen bei der Reaktionshemmung.

„Eine neue Sprache zu lernen, ist kein Wundermittel gegen kognitives Altern“, so Meyer. „Aber es ist eine anspruchsvolle, alltagsnahe und sozial bedeutsame geistige Aktivität. Gerade deshalb kann sie für bestimmte Menschen besonders wertvoll sein.“

Zum Welttag des Gehirns lautet die Botschaft daher: Unser Gehirn ist kein starrer Sprachcomputer, sondern ein anpassungsfähiges System. Mehrsprachigkeit, Code-Switching und Fremdsprachenlernen zeigen, wie eng Sprache, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, soziale Interaktion und Gehirngesundheit miteinander verbunden sind.