Weiterbildung in Deutschland und Österreich: „Gipfeltreffen“ auf dem VSOU-Kongress20. April 2026 Foto: allexxandarx/stock.adobe.com In Deutschland wird zum Facharzt weitergebildet, in Österreich ausgebildet. Beides dauert 72 Monate. Wo die wichtigsten Gemeinsamkeiten, Unterschiede und jeweiligen Herausforderungen bei der Weiterbildung liegen, war Thema auf dem VSOU-Kongress. Von Dr. Judith Amann In Österreich beginnt der Weg zum Facharzt für Orthopädie und Traumatologie mit einer neunmonatigen Basisausbildung, die für alle Fächer gleich ist. In Deutschland gibt es dagegen mit der Basisweiterbildung Chirurgie, die auf 24 Monate ausgelegt ist, schon eine gewisse Spezialisierung. Auf diese folgt die Weiterbildung in Orthopädie und Unfallchirurgie für weitere 48 Monate. In Österreich folgen auf die Basisausbildung 36 Monate Sonderfach-Grundausbildung im Fach Orthopädie und Traumatologie sowie 27 Monate Sonderfach-Schwerpunktausbildung. Hier sollen spezifische Kenntnisse vertieft werden. Dazu müssen drei jeweils neun Monate dauernde Module zu bestimmten Themen absolviert werden, eines davon frei wählbar. Der Weg von der Weiterbildung in die Wissenschaft Wie Dr. Valeska Hofmann, die in der VSOU-Session „O & U transalpin: Weiterbildungs-Gipfeltreffen“ einen Überblick über die Weiterbildung in beiden Ländern gab, erläuterte: „Es gibt auch ein wissenschaftliches Modul, was ich sehr schön finde.“ In Deutschland sei das so nicht vorgesehen. Allerdings sei es auch in Österreich so, dass man am besten an einer Uniklinik aufgehoben sei, wenn man wissenschaftlich arbeiten möchte, so Hofmann, Chefärztin an der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Karl-Olga-Krankenhaus in Ulm. Der Weg in die Wissenschaft sei in beiden Ländern daher recht ähnlich. Sie kennt durch ihre dreijährige Tätigkeit als Oberärztin in Salzburg die Gegebenheiten in beiden Ländern. Über den akademischen Weg berichtete Prof. Christian Deininger von der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie der Medizinischen Universität Graz. Er betonte: „Es muss Ihnen klar sein, dass es ein langer Weg ist.“ Als Grundvoraussetzungen für eine Karriere in der Wissenschaft sieht er neben Interesse, Disziplin und Durchhaltevermögen vor allem, sich klarzumachen, was man will. Wichtig sei es, sich einen Mentor zu suchen und die Stelle auch zu wechseln, wenn man „trotz intensiver Bemühungen nicht weiterkommt“. Deininger rät außerdem dazu, gerade zu Beginn eine Forschungsidee aufzugreifen, mitzumachen und so einen Einblick zu gewinnen, wie Forschung funktioniert. An Deiningers Arbeitsplatz, der Uniklinik Graz, gebe es für Weiterbildungsassistenten bereits Freiräume für die Forschung. Herausforderungen und Verbesserungsbedarf Über Herausforderungen in der Weiterbildungszeit und Verbesserungsbedarf berichteten Dr. Anna Hohensteiner aus Österreich und Sarah Lif Böhm vom Städtischen Klinikum Karlsruhe. Hohensteiner engagiert sich in der Assistentenvertretung der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (ÖGOuT), Böhm ist Teil des Leitungsteams des Jungen Forums der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU). Ein wichtiger Unterschied ist die Orientierung an Kompetenzen in der deutschen Weiterbildung; die Anzahl der zu absolvierenden Operationen bleibt dabei flexibel. In Österreich dagegen sind Richtzahlen definiert, die „in einzelnen Teilbereichen relativ hoch angesetzt seien“, wie Hohensteiner anmerkte. Sie könnten nicht an allen Ausbildungsstätten erreicht werden. Probleme bereitet Hohensteiners Einschätzung nach auch die 2015 erfolgte Zusammenlegung der Fächer Orthopädie und Traumatologie. Dadurch ergebe sich ein großes Feld mit einem breiten Spektrum. Aber nicht alle Ausbildungsstätten könnten alle Teilbereiche des Sonderfachs abdecken, insbesondere wenn es um Rotationen in angrenzende chirurgische Fächer gehe. Zu wenig Struktur in Deutschland Allerdings stehen in Deutschland Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung vor ähnlichen Herausforderungen, wie Böhm, insbesondere mit Blick auf die Krankenhausreform, anmerkte. Als Beispiele nannte sie den Bereich der konservativen Orthopädie oder etwa die Hüftsonographie bei Säuglingen. Hier gelte es, eine externe Rotation zu organisieren. Böhm betonte: „Es braucht Rotationspläne, aber dazu gibt es bisher zu wenige Konzepte.“ Auch die sechsmonatige Rotation auf der Intensivstation sei oft schwierig. Sie riet, sich bereits bei Antritt der Stelle aktiv um die Intensivrotation zu bemühen. Böhm wies auch darauf hin, dass gerade kleinere Häuser nicht mehr alles anböten. Dann könne ein Wechsel nötig sein. Dieser sollte allerdings gut geplant sein und etwa das Versorgungslevel oder die Schwerpunkte der anderen Klinik berücksichtigen. Sie kritisierte, dass zu häufig die Umsetzung eines strukturierten Weiterbildungsplans fehle: „Den Plan gibt es auf dem Papier, umgesetzt wird er nicht.“ Auch Weiterbildungsgespräche und Feedbackkultur seien zu wenig ausgeprägt, zumindest an den Kliniken, die sie kenne. Operieren in der Schwangerschaft In Österreich kann die chirurgische Ausbildung für Frauen im Falle einer Schwangerschaft zu einer echten Herausforderung werden. Das Mutterschutzgesetz des Nachbarlandes ist streng: Schwangere dürfen den OP-Saal nicht mehr betreten. OP-Zeiten fehlen dann in der Weiterbildung. „Wir wünschen uns die Möglichkeit zum risikoadaptierten Operieren in der Schwangerschaft.“ In Deutschland ist man da etwas weiter. Operieren ist unter bestimmten Voraussetzungen auch in der Schwangerschaft möglich. Böhm verwies auf das Positionspapier „Operieren in der Schwangerschaft“ mit „guten Vorgaben“. In der Praxis hapere es aber noch an der Umsetzung, es gebe nach wie vor Häuser, die „auf Nummer sicher gehen und Schwangere aus dem OP ausschließen“, so Böhm. Außerdem müsse die Anästhesie „mitspielen“. m Ende der Weiterbildung steht die Facharztprüfung, in Deutschland eine mündliche Prüfung mit fallbezogenen Fragen, während in Österreich 120 Multiple-Choice-Fragen innerhalb von vier Stunden zu beantworten sind. Dabei müssen 70 Prozent der Fragen korrekt beantwortet werden. Auch mit Blick auf diese Prüfung sieht Hohensteiner Verbesserungsbedarf; diese sei „unzureichend“, und die für die ärztliche Tätigkeit notwendigen klinischen Kompetenzen würden nicht überprüft. Nach der Weiterbildung: Niederlassung und/oder Klinik? Auch nach der Facharztprüfung gibt es Unterschiede. Während in Deutschland Ärztinnen und Ärzte entweder an der Klinik bleiben oder in die ambulante Medizin gehen und sich niederlassen, ist es in Österreich viel üblicher, „den dualen Weg zu gehen“, wie Hofmann es ausdrückte. Viele Mediziner haben neben ihrer klinischen Tätigkeit noch eine Ordination, also eine Praxis, entweder als Kassenarzt oder Vertragsarzt, Wahlarzt oder Privatarzt. Vertragsärzte rechnen in Österreich mit der Sozialversicherung ab, analog zu den Kassenärzten in Deutschland. Die Besonderheit in Österreich ist der Wahlarzt. Dieser hat keinen Vertrag mit der Kasse, allerdings können Patienten ihre Rechnung einreichen und bekommen diese zum Teil erstattet. Als dritte Möglichkeit gibt es im österreichischen Gesundheitssystem reine Privatärzte. Deren Rechnungen können sich die Patienten nicht erstatten lassen. Hofmann sieht gerade beim Wahlarztmodell Vorteile für die Patienten: Die Möglichkeit, zum Wahlarzt zu gehen, entzerre das System, Wartezeiten auf Facharzttermine seien kürzer. Allerdings beobachte sie auch, dass Ärzte sich in der Klinik „nicht mehr committen“ und den „Stift fallen lassen, weil sie in die Ordination“ müssen. Gegebenheiten und Herausforderungen der ambulanten Medizin im Vergleich in Deutschland und Österreich waren auch Gegenstand einer berufspolitischen Sitzung auf dem VSOU-Kongress 2026.
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