Wenn Angst medizinische Versorgung verhindert

Sven Korejtko (l.) und Prof. Ehrenfried Schindler haben das Bonner Stufenkonzept entwickelt. (Quelle: © Universitätsklinikum Bonn/UKB)

Eine Impfung dauert oft nur wenige Sekunden. Doch für manche Kinder und Jugendliche wird schon der Anblick einer Spritze zu einer unüberwindbaren Hürde. Um die jungen Patienten dennoch versorgen zu können, hat ein Team der Kinderanästhesiologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) das Bonner Stufenkonzept entwickelt.

Das Konzept macht eine häufig übersehene Seite von Patientensicherheit sichtbar: Eine medizinische Maßnahme kann nur schützen, wenn sie überhaupt stattfinden kann. Patientensicherheit beginnt deshalb bereits beim Zugang zur notwendigen Versorgung.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hat das Bonner Stufenkonzept daher mit dem dritten Platz beim Deutschen Preis für Patientensicherheit 2026 ausgezeichnet. Die Preisübergabe findet am 17. September im Rahmen einer Veranstaltung zum Welttag der Patientensicherheit in Berlin statt.

Angst als Risikofaktor

Entwickelt wurde das Stufenkonzept von Prof. Ehrenfried Schindler, Leiter der Sektion Kinderanästhesiologie am UKB, und Sven Korejtko, Fachpflegekraft im Eltern-Kind-Zentrum des UKB. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche mit einer ausgeprägten Blut-, Spritzen- und Verletzungsphobie, bei denen notwendige medizinische Maßnahmen bereits mehrfach gescheitert sind.

„Wenn Angst dazu führt, dass Impfungen, Blutkontrollen oder wichtige diagnostische Untersuchungen unterbleiben, wird sie selbst zu einem Risiko für die Patientensicherheit“, erklärt Schindler. „Unser Ziel ist es, die notwendige Versorgung zu ermöglichen und den Kindern dabei Sicherheit und Kontrolle zurückzugeben.“

Vertrauen vor Behandlung

Das Konzept beginnt mit einem ausführlichen Vorgespräch. Das Team klärt, wovor das Kind konkret Angst hat, erklärt den geplanten Ablauf und macht es mit den Räumen und medizinischen Materialien vertraut. Am Behandlungstag werden Wartezeiten und überraschende Situationen möglichst vermieden. Abhängig von der Stärke der Angst kommen ein betäubendes Pflaster, angstlösende Medikamente oder eine kurze Sedierung unter kinderanästhesiologischer Überwachung zum Einsatz.

Der wichtigste Grundsatz lautet: Es geschieht nichts gegen den Willen des Kindes. Die Eltern können dabeibleiben, und die Kinder werden so weit wie möglich in jeden Schritt einbezogen. Damit unterscheidet sich der Ansatz bewusst von Situationen, in denen Betroffene festgehalten oder zu einer Behandlung gedrängt werden.

50 von 52 Kindern erfolgreich versorgt

Von Februar 2022 bis September 2025 wurden 52 Kinder und Jugendliche nach dem Bonner Stufenkonzept behandelt. Alle hatten zuvor mindestens drei erfolglose oder abgebrochene Behandlungsversuche erlebt. Bei 50 von ihnen konnte die erforderliche medizinische Maßnahme erfolgreich durchgeführt werden.

Das Angebot ist nicht als dauerhafte Lösung oder als Ersatz für die Behandlung einer Phobie gedacht. Es schafft zunächst eine sichere Brücke zu medizinisch notwendigen Maßnahmen. Langfristiges Ziel bleibt, dass die Kinder und Jugendlichen Behandlungen später möglichst ohne Sedierung bewältigen können.