Wenn psychische Probleme den Transplantationserfolg gefährden21. März 2019 Psychische Hilfe ist oft notwendig. Foto: © gballgiggs – Fotolia.com Psychosomatik-Experten fordern Standards für psychosoziale Versorgung in der Transplantationsmedizin Die Verpflanzung eines Organs findet immer in einer Krisensituation statt, die nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche des Empfängers betrifft. Meist geht der Transplantation eine lange Phase schwerer Erkrankung voraus mit Klinikaufenthalten, Abhängigkeit von Maschinen, Ungewissheit und Todesangst. Unbehandelte psychische Probleme und andere ungünstige psychosoziale Faktoren, etwa unrealistische Erwartungen an den Eingriff, können mit der Grund sein, weshalb das transplantierte Organ abgestoßen wird. Wie Transplantatempfänger und Lebendorganspender psychosozial vor und nach der Operation begleitet werden sollten, entwickeln Experten derzeit in einer neuen S3-Leitlinie, die ab 2020 wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Handlungsempfehlungen geben soll. Über das Thema diskutieren Experten derzeit beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der vom 20. bis 22. März in Berlin stattfindet. Spenderorgane sind Mangelware. Die Wartelisten für die oft lebenswichtigen Organe sind lang, und bei der Vergabe stehen körperliche Kriterien im Vordergrund. „Zu einem nicht unerheblichen Teil hängt der Erfolg der Transplantation und der Erhalt des Organs jedoch auch von psychosozialen Faktoren ab“, sagt Professor Dr. med. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover und Koordinatorin der Leitlinie. Je nach Untersuchung leiden etwa 25 bis 60 Prozent der potenziellen Transplantatempfänger unter schwerwiegenden psychischen Problemen wie Angststörungen und Depressionen. „Bei Transplantierten mit solchen Störungen sind Abstoßungsreaktionen häufiger, die Lebensqualität geringer und die Sterblichkeit erhöht“, sagt de Zwaan. Auch andere Faktoren, etwa unrealistische Erwartungen an den Eingriff, ungünstiges Gesundheitsverhalten, schwerwiegende berufliche Probleme oder ein fehlendes soziales Netzwerk wirkten sich ungünstig auf den Erfolg der Transplantation aus. Wer ein Organ erhalten hat, ist danach nicht etwa gesund, vielmehr müssen Transplantierte lebenslang ein strenges Medikamentenregime beachten und mit teils erheblichen Nebenwirkungen leben. „Eine große Herausforderung nach Transplantationen stellt deshalb die sogenannte Non-Adhärenz dar, also der Umstand, dass Patienten die Medikamente, die vor einer Abstoßung des Organs schützen sollen, nicht gewissenhaft einnehmen oder Untersuchungstermine nicht wahrnehmen“, so de Zwaan. Dann gerät der Transplantationserfolg in Gefahr. „Verschiedene Übersichtarbeiten zeigen, dass, je nach Untersuchung, zwischen 14 und 36 Prozent der Organverluste auf eine nicht-gewissenhafte Einnahme der immunsupprimierenden Medikamente zurückzuführen sind.“ Die Gründe für die Non-Adhärenz sind vielfältig: Starke Medikamentennebenwirkungen, generelle Überforderung oder die fälschliche Annahme, man benötige die Medikamente nicht mehr. Angesichts der hohen Relevanz psychosozialer Faktoren für den langfristigen Erfolg einer Transplantation fordern die Initiatoren der Leitlinie, die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) und das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Fachleute aus dem Bereich der Psychosomatik, Psychologie oder Psychiatrie in den gesamten Transplantationsprozess einzubinden. Derzeit gebe es hierfür keine einheitlichen Standards in den Kliniken. „Jeder Patient sollte bereits vor der Aufnahme auf die Warteliste psychosozial evaluiert werden. Auch bei den Transplantationskonferenzen, in denen über die Aufnahme in die Warteliste entschieden wird, sollten entsprechende Fachleute einbezogen sein, ebenso muss die psychosoziale Nachsorge verbessert werden“, sagt de Zwaan. Die aktuelle Leitlinie befasst sich auch mit der psychosozialen Diagnostik und Behandlung von Lebendspendern. „Die Lebendspende stellt für den gesunden Spender keinen Heileingriff dar, so dass der Schutz des Spenders vor möglichen negativen Folgen von besonderer Wichtigkeit ist. Dies erfordert strikte Vorgaben bezüglich Evaluation und Aufklärung. Zwar treten psychosoziale Probleme deutlich seltener auf als bei Organempfängern, dennoch ist auch für Spender eine psychosoziale Nachsorge empfehlenswert“, so de Zwaan. Beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der in Berlin stattfindet, berichtet Professor de Zwaan über die psychosozialen und psychosomatischen Aspekte der Organspende und über die Inhalte der derzeit erarbeiteten Leitlinie. Weitere Informationen zum Kongress unter: https://2019.deutscher-psychosomatik-kongress.de/ Literatur: S. Kröncke et al, Psychosoziale Evaluation von Transplantationspatienten – Empfehlungen für die Richtlinien zur Organtransplantation, Psychother Psych Med 2018; 68: 179–184. DOI https://doi.org/10.1055/s-0044-102294
Mehr erfahren zu: "Erstmals dorsaler Klitorisnerv detailliert dargestellt" Erstmals dorsaler Klitorisnerv detailliert dargestellt Der Aufbau der menschlichen Klitoris ist trotz erster Forschungserfolge noch weitgehend unbekannt. Forschenden aus Düsseldorf gelang es in einer anatomischen Studie nun erstmals, den Klitorisnerv detailliert darzustellen.
Mehr erfahren zu: "Expertenwissen für Menschen mit Multipler Sklerose im ländlichen Raum" Expertenwissen für Menschen mit Multipler Sklerose im ländlichen Raum Das Projekt „Expertenwissen für Menschen mit MS im ländlichen Raum“ am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden soll Betroffenen in ländlichen und medizinisch unterversorgten Regionen einen besseren Zugang zu spezialisiertem medizinischen […]
Mehr erfahren zu: "Boehringer Ingelheim stoppt Investitionen in Deutschland" Boehringer Ingelheim stoppt Investitionen in Deutschland 900 Millionen Euro, die eigentlich für hiesige Standorte des Pharma-Konzerns Boehringer Ingelheim vorgesehen waren, werden nun in anderen Weltregionen investiert. Der Unternehmenschef wählt klare Worte.