Wie man sein Fach findet – oder es einen findet

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Eine Kolumne von Fine Lammert.

Wenn man Medizin studiert, hört man ziemlich früh die unvermeidliche Frage: „Und? Weißt du schon, was du mal machen willst?“

Meistens antwortet man dann irgendetwas zwischen „Keine Ahnung“ und „Irgendwas mit Patienten vielleicht“. Und das ist auch völlig in Ordnung – schließlich lernt man in den ersten Semestern vor allem die Grundlagen und hat mit der eigentlichen Berufswahl noch wenig zu tun.

Ich habe den Eindruck, dass die eigene Fachrichtungswahl oft stärker von Zufällen abhängt, als man denkt – vor allem von den Menschen, die einem begegnen. Nicht nur Dozierende, auch Ärztinnen und Ärzte, denen man vielleicht in einem Praktikum begegnet, oder Angehörige, die von ihrem Beruf erzählen, können etwas in einem anstoßen. Manche schaffen es, ihr Fach mit so viel Begeisterung und Klarheit zu vermitteln, dass man selbst dafür brennt – oder zumindest neugierig wird. Vielleicht geraten viele so in Richtungen, die sie nie geplant hatten. Und vielleicht ist es am Ende gar nicht das Fach selbst, das begeistert, sondern die Art, wie jemand es einem nahebringt.

Und genau solche Begegnungen sollen im Studium ja auch ermöglicht werden – etwa in den ersten Veranstaltungen, die Einblicke in die klinische Arbeit geben.

Schon im ersten Semester haben wir in Münster das Fach Einführung in die klinische Medizin und Berufsfelderkundung – kurz EKM und BFE. Da bekommt man einen ersten kleinen Überblick über verschiedene Fachrichtungen, darf in der Gruppe eine als Schwerpunkt für das Semester wählen und bekommt da dann auch schon erste Einblicke in die klinische Arbeit.

Rückblickend war das für mich zwar eher motivierend als wegweisend, aber wer weiß – vielleicht hat es manchen ja doch schon die Augen für eine Fachrichtung geöffnet. Man sieht zum ersten Mal ein bisschen Praxis, setzt sich mit der Fachrichtung auseinander und bekommt eine Vorstellung davon, worauf man eigentlich hinarbeitet.

Später gibt es Kurse, die das vielleicht stärker beeinflussen. Im vierten Semester hatten wir zum Beispiel den Kurs „Anatomie und Bildgebung“. Ich hätte nie gedacht, dass mich das mal interessieren könnte, und ehrlich gesagt kann ich mir bis heute nicht vorstellen, Radiologin oder Nuklearmedizinerin zu werden. Aber trotzdem: Es war spannender als erwartet. Und genau das zeigt, wie stark einzelne Erfahrungen die Perspektive verändern können.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Praktika, die man in den ersten Semestern und darüber hinaus absolviert – wie die Pflegepraktika oder Famulaturen. Diese sind lang, intensiv und zeigen sehr direkt, wie der Alltag in verschiedenen Fachrichtungen tatsächlich aussieht. Diese Erfahrungen können den Blick auf eine Fachrichtung stark verändern – wahrscheinlich noch mehr als ein einzelner Kurs oder ein Vortrag.

Ein anderes Thema, das bei der Frage nach der Fachrichtung immer wieder aufkommt, sind Rollenbilder. Ich hätte eigentlich gedacht, dass das in meiner Generation keine große Rolle mehr spielt, aber tatsächlich begegnet man ihnen häufiger, als man denkt. Und nicht nur von außen: Auch unter Medizinstudierenden selbst sitzen diese Vorstellungen oft erstaunlich fest. Wenn eine Kommilitonin sagt, sie könne sich die Chirurgie vorstellen, heißt es schnell: „Echt? Nicht lieber Gynäkologie oder Pädiatrie?“ – etwas, das ich gegenüber Männern noch nie gehört habe.

In meinem Fall würde das Klischee sogar zutreffen – aber das spielt eigentlich keine Rolle. Es stimmt, dass in manchen Fächern bestimmte Geschlechter stärker vertreten sind; in der Frauenheilkunde beispielsweise dominieren die Frauen. Doch das sollte kein Argument sein, jemanden darauf festzulegen oder in eine andere Richtung zu drängen. Wer als Frau in den OP will, sollte dafür nicht belächelt werden, und wer als Mann in die Gynäkologie geht, verdient denselben Respekt. Am Ende zählt doch, ob man für ein Fach brennt – nicht, ob es vermeintlich „passt“.

Und natürlich spielt auch das Gehalt eine Rolle – zumindest irgendwann. Ich glaube aber, dass es im Studium selbst für die meisten noch zweitrangig ist. Noch steht die Begeisterung, die Neugier, das Interesse im Vordergrund.

Am Ende hängt die Entscheidung wohl von einer Mischung aus Zufall, Begegnungen, Kursen und Praktika ab. Vielleicht kann man seine Fachrichtung gar nicht planen – sondern sie findet einen, Stück für Stück, zwischen Hörsaal, Praktikum und Vorbildern. Und keine Sorge: Bei sechseinhalb Jahren Studium bleibt genug Zeit, sich zwischendurch noch dreimal umzuentscheiden.


junge Frau, blond, Fluss im Hintergrund, Sonne scheint

Fine Lammert studiert seit dem Sommersemester 2024 an der Universität Münster Humanmedizin. Die gebürtige Düsseldorferin begeistert sich vor allem für die Kindermedizin, liebt aber die vielseitigen Erfahrungen aus dem Studium, so zum Beispiel die Präparation, und ist daher noch für alle Fachrichtungen offen. Ihre (tatsächlich wenige) freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihren Freunden an der frischen Luft, am See oder in Cafés.