Zwölf Stunden lernen – und trotzdem nichts behalten?30. Oktober 2026 Symbolbild KI-generiert mit ChatGPT. Eine Kolumne von Fine Lammert. Wie genau die Physikumsprüfungen ablaufen, habt ihr schon in meinem letzten Text erfahren. Für viele stellt sich nun aber die eigentliche Frage: Wie kommt man da durch? Für uns Studierende fängt das Ganze ja schon viel früher an – mit der Vorbereitung. Sechs Wochen, ein Lernplan, und plötzlich liegt der komplette Stoff der Vorklinik wieder vor einem. Die Vorbereitung auf das schriftliche Physikum beginnt für die meisten etwa acht bis neun Wochen vorher. Und ziemlich schnell stößt man auf die gleiche Lösung: Lernpläne. Sehr verbreitet sind zum Beispiel der 50-Tage-Intensivplan von AMBOSS oder die Lernpläne von Via Medici. Alle verfolgen letztlich das gleiche Ziel: den gesamten Stoff der Vorklinik in einer festgelegten Zeit einmal systematisch durchzuarbeiten. Via Medici arbeitet viel mit ausführlichen Fließtexten. Das kann inhaltlich sehr tiefgehend sein, bedeutet aber auch, dass man einen Großteil des Tages tatsächlich mit Lesen verbringt. AMBOSS hingegen ist stärker stichpunktartig aufgebaut, komprimierter und für mich somit deutlich übersichtlicher gewesen. Ein weiterer Unterschied ist die Struktur: Manche Lernpläne sind nach Fächern sortiert, andere organbasiert. Welcher Lernplan passt zu mir? Ich habe mich für den organbasierten 50-Tage-Plan von AMBOSS entschieden. Für mich persönlich war das die beste Variante, weil ich gemerkt habe, dass ich aus reinem Lesen wenig mitnehme. Die kompaktere Darstellung hat es mir leichter gemacht, einen Überblick zu behalten und mir die Inhalte aktiv zu erarbeiten. Details habe ich dann bei Bedarf gezielt nachgelesen. Außerdem fand ich die organbasierte Struktur gut, da ich die Hoffnung hatte, dass ich die Themen so nochmal ganz anders verknüpfen konnte. Im Endeffekt war ich auch sehr zufrieden mit dem Plan und würde jederzeit wieder so wählen. Wichtig: in den Lernplänen sind keine Pausentage enthalten. Man sollte sich also immer etwas mehr Zeit einplanen, um auch mal einen Tag Pause machen zu können und am Ende noch etwas Puffer zu haben. Welchen Plan man im Endeffekt wählt, ist natürlich jedem selbst überlassen und ich bin der festen Überzeugung, dass alle diese genannten Lernpläne einen super auf das schriftliche Physikum vorbereiten können. Mit welchem man besser klarkommt, hängt einzig vom Lerntyp und den individuellen Präferenzen ab. Wie viel Zeit sollte man einplanen? Ich habe etwa um Weihnachten herum angefangen zu lernen, um noch genug Pausentage und Puffer bis zum Physikum Mitte März übrig zu haben. Mir wurde schnell klar: Ein „Lerntag“ ist kein halber Tag. Um den Stoff eines Tages komplett durchzuarbeiten, saß ich oft bis zu zwölf Stunden am Schreibtisch. Und selbst dann hatte ich häufig das Gefühl, dass erstaunlich wenig hängen geblieben ist. Gerade am Anfang war das frustrierend. Ich habe einen kompletten Tag gelernt – und eine Woche später wusste ich oft nur noch bruchstückhaft, worum es eigentlich ging. Man arbeitet sich durch Themen, hakt sie ab, und hat trotzdem das Gefühl, nichts wirklich zu behalten. Manchmal hatte ich sogar ganz vergessen, ein Thema schon gelernt zu haben. Ein großes Problem dabei: Es bleibt kaum Zeit für Wiederholung. Während man versucht, im Plan zu bleiben, kommt jeden Tag neuer Stoff dazu. Eigentlich soll das Ganze eine Wiederholung der Themen der letzten zwei Jahre sein – in der Realität ist es oft das erste Mal, dass man viele Inhalte wirklich versteht. Ich habe mir deshalb eigene Notizen gemacht, relativ knapp, einfach um nicht nur durch die Seiten zu scrollen, sondern mich aktiv damit auseinanderzusetzen. Für kleinere Fakten habe ich zusätzlich mit Anki (eine Plattform für Online-Karteikarten) gearbeitet. Ein Vorteil des AMBOSS-Lernplans ist nämlich, dass es ein Anki-Deck mit allen Prüfungsinhalten gibt, das sich perfekt auf den Lernplan anpassen lässt. Manche haben statt klassischem Lesen ausschließlich mit diesen Karteikarten gelernt. Mir hat diese Methode vor allem in der letzten Woche geholfen, nochmal die wichtigsten Inhalte durchzugehen. Parallel dazu habe ich viele Altexamen gekreuzt – der Schritt, der alle Lernpläne meist abschließt. So kamen die Themen, die man dachte gänzlich vergessen zu haben, dann doch ganz gut wieder. Erstaunlich war, wie oft man sich beim Beantworten der Fragen auf sein Bauchgefühl verlassen konnte. Häufig dachte ich, ich wüsste die Antwort nicht – und lag am Ende doch richtig. Irgendwo ist das Wissen dann eben doch da. Vom Wiedererkennen zum freien Erklären Nach dem Schriftlichen verschiebt sich dann alles. Plötzlich geht es nicht mehr nur ums Wiedererkennen, sondern ums Erklären. Hier reichen die Lernpläne nicht mehr aus. Für Anatomie ist es sehr sinnvoll zum „freien Präpen“ zu gehen, was in den Wochen vorher an vielen Unis, wie auch bei mir in Münster, angeboten wird. Der Präpariersaal ist offen und die Studierenden können sich alles anschauen und durchsprechen, so viel sie wollen. Die Vorbereitung für die mündliche Anatomie-Prüfung lief bei uns also größtenteils parallel zu der Vorbereitung für das Schriftliche, da hier die Termine für das freie Präpen angeboten wurden. Das war also noch mehr, was man irgendwie unter einen Hut kriegen musste. Für die anderen beiden Fächer habe ich mich ab dem schriftlichen Physikum jeden Tag mit zwei Freundinnen getroffen, wir haben alles durchgesprochen, uns gegenseitig viel abgefragt und die Prüfung ein Stück weit simuliert. Das hat mir sehr geholfen und das würde ich auch jedem empfehlen. Das häufige Durchsprechen hat mir das Beantworten der Fragen im mündlichen Physikum deutlich erleichtert. Wenn ich gemerkt habe, dass zum Beispiel ein Stoffwechselweg der Biochemie noch nicht saß, wurde ich damit noch fünf- oder zehnmal gequält, bis er irgendwann wirklich drin war. Wenn die Prüfung auch körperlich belastet Was man dabei leicht unterschätzt: Diese Phase ist nicht nur mental anstrengend, sondern auch körperlich. Ich habe versucht, bewusst einen Ausgleich zu schaffen, war anfänglich regelmäßig im Fitnessstudio und joggen. Das hat auch geholfen – aber es hat die Belastung nicht komplett aufgefangen. Zwischenzeitlich machten sich auch körperliche Belastungen bei mir und vielen Mitstudierenden bemerkbar – etwa durch lange Bildschirmzeiten und viel Sitzen. Und je näher die Prüfung rückte, desto stärker zeigte sich bei vielen auch der Stress körperlich, zum Beispiel durch Muskelzucken, Magenprobleme, Schlafprobleme oder Gewichtsabnahme. Woher kommt der Druck vor dem Physikum? Was ich im Nachhinein interessant finde: Ich hatte eigentlich nicht den Anspruch, eine besonders gute Note zu schreiben. Mein Ziel war schlicht, zu bestehen und am Ende sagen zu können, dass ich mein Bestes gegeben habe. Trotzdem war der Druck da. Schwer zu sagen, woher genau er kommt. Vielleicht aus der ständigen Erzählung, dass das Physikum „die schlimmste Prüfung des Medizinstudiums“ sei. Vielleicht aus dem Umfeld, aus höheren Semestern, aus der allgemeinen Stimmung. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem. Jedenfalls entsteht eine Situation, in der selbst Menschen, die sich sonst wenig Druck machen oder gut mit Druck umgehen können, gut und gerne lernen können, plötzlich sehr angespannt sind. Während die Vorbereitung am Anfang noch relativ gut kontrollierbar war, wurden die letzten zwei bis drei Wochen deutlich intensiver. Der Ausgleich hat schlechter funktioniert, die Tage wurden noch länger und anstrengender. Bei all dem ist mir wichtig zu sagen: Es ist machbar. Die Vorbereitung ist fordernd, teilweise auch belastend, und definitiv keine einfache Zeit. Aber sie ist auch nichts, woran man scheitern muss. Irgendwie findet man seinen Rhythmus, passt sich an und arbeitet sich Schritt für Schritt, Tag für Tag, durch den Stoff. Und die Frage aus dem Titel – zwölf Stunden lernen und trotzdem nichts behalten? Heute würde ich sagen: So fühlt es sich vielleicht an. Aber wirklich verschwunden ist das Gelernte nicht. Mehr zur Prüfung selbst und zur Zeit danach folgt in meinem nächsten Text als Abschluss dieser Reihe über das Physikum. Fine Lammert studiert seit dem Sommersemester 2024 an der Universität Münster Humanmedizin. Die gebürtige Düsseldorferin begeistert sich vor allem für die Kindermedizin, liebt aber die vielseitigen Erfahrungen aus dem Studium, so zum Beispiel die Präparation, und ist daher noch für alle Fachrichtungen offen. Ihre (tatsächlich wenige) freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihren Freunden an der frischen Luft, am See oder in Cafés.
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