Wie Zyklus, Schwangerschaft und Wechseljahre den Diabetes beeinflussen

Frauen mit Diabetes sind anders betroffen als Männer. Symbolbild: Xenia/stock.adobe.com

Hitzewallung oder Unterzuckerung? Für Frauen mit Diabetes kann diese Frage entscheidend sein. So können Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre oder das Polyendokrine Metabolische Ovarialsyndrom (PMOS) den Blutzucker beeinflussen und Risiken erhöhen. Umso wichtiger sind eine geschlechtersensible Versorgung und Beratung.

Viele Frauen kennen es: Der Körper folgt nicht jeden Tag demselben Plan. Beim Diabetes kann das besonders spürbar werden. Hormone wie Östrogen und Progesteron beeinflussen, wie gut Insulin wirkt. So kann in der zweiten Zyklushälfte der Insulinbedarf um bis zu 15 Prozent steigen. Doch moderne Pumpensysteme erfassen diese Schwankungen bislang kaum.

„Viele Frauen leisten hier jeden Monat Feinarbeit an ihrer Therapie, indem sie manuell nachsteuern müssen“, sagt Professorin Dr. med. Susanne Reger-Tan, Klinikdirektorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW. „Sie beobachten, vergleichen, korrigieren – und brauchen dafür eine Beratung, die diese hormonellen Veränderungen ernst nimmt.“

Auf einer Online-Pressekonferenz des Verbandes der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) machte Reger-Tan deshalb gemeinsam mit anderen Referentinnen deutlich: Diabetes trifft Frauen anders als Männer.

PMOS und Wechseljahre: Hormone beeinflussen Diabetes

Auch das Polyendokrine Metabolische Ovarialsyndrom (PMOS), früher Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS), zeigt, wie eng Hormone, Gewicht, Blutzucker und Herzgesundheit zusammenhängen. PMOS betrifft etwa jede achte Frau. Dennoch bleibt es bei vielen lange unerkannt.

„Der neue Name macht sichtbar, dass es nicht nur um Eierstöcke geht, sondern dass es eine Multisystemerkrankung mit starken Stoffwechselveränderungen ist“, erklärt Reger-Tan. Für Betroffene kann eine Diagnose entlastend sein: Ihre Beschwerden haben einen Namen und sie können gezielter beraten werden – auch in Bezug auf mögliche gesundheitliche Risiken.

In den Wechseljahren wird Diabetes für viele Frauen noch unberechenbarer. Der Östrogenspiegel sinkt, die Insulinwirkung verändert sich, die Werte schwanken. Rund zwei Drittel der Frauen mit Typ-1-Diabetes berichteten in einer Untersuchung nach der Menopause über instabilere Glukosewerte.Besonders tückisch: Schwitzen, Zittern und Herzklopfen können sich anfühlen wie eine Hitzewallung – oder wie eine Unterzuckerung. „Im Zweifel sollte immer zuerst der Glukosewert geprüft werden“, sagt Reger-Tan. „Eine Unterzuckerung darf nicht übersehen werden.“

Schwangerschaftsdiabetes – kein persönliches Versagen

Auch in der Schwangerschaft kann Diabetes plötzlich mitten ins Leben platzen. Aus Vorfreude wird Sorge und viele Frauen fragen sich: Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich meinem Kind geschadet? Dabei ist Schwangerschaftsdiabetes in vielen Fällen hormonell mitbedingt und kein persönliches Versagen.

Rund zehn Prozent der Schwangeren sind betroffen. Nach der Geburt normalisieren sich die Blutzuckerwerte häufig. Doch das Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes bleibt sieben- bis achtfach erhöht.2 Neuere Studien weisen zudem darauf hin, dass es eine enge genetische Verbindung zwischen den beiden Erkrankungen gibt (wir berichteten). Trotzdem nehmen nur etwa 40 Prozent der Frauen den empfohlenen Zuckertest sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt wahr.

„Frauen brauchen auch nach der Schwangerschaft keine Schuldzuweisungen, sondern konkrete Präventionsangebote, die sich nach den individuellen Bedürfnissen der Familie richten“, so Dr. rer. medic. Judith Scholler-Sachs, Diabetesberaterin DDG, Hebamme und Adiposiologin. „Gute Beratung erklärt, entlastet und zeigt, wie Mutter und Kind vor einer Diabeteserkrankung möglichst langfristig geschützt werden können.“

77 Minuten Diabetes im Kopf

Diabetes ist nicht vorbei, wenn der Arzttermin endet. Er sitzt mit am Frühstückstisch, begleitet den Arbeitstag und meldet sich oft abends noch einmal im Kopf. In einer Befragung von 503 Erwachsenen mit Diabetes gaben Betroffene an, im Schnitt 77 Minuten täglich aktiv an ihre Erkrankung zu denken. Frauen nannten im Median 60 Minuten, Männer hingegen nur 30 Minuten.4

„Für viele Frauen ist Diabetes eine weitere Aufgabe auf einer ohnehin langen inneren Liste“, betont Laura Klinker, Psychologin am Diabetes Zentrum Bad Mergentheim, mit Blick auf den sogenannten „Mental Load“ von Frauen. „Mahlzeiten planen, Werte prüfen, Familienkonflikte schlichten, Termine im Blick behalten, Familie organisieren, “funktionieren”: Diese mentale Last bleibt oft unsichtbar. Studien berichten, dass Frauen mit Diabetes höhere diabetesbezogene Belastungen, mehr diabetesbezogene Stigmatisierung und geringere Lebensqualität zeigen als Männer mit Diabetes.5,6 Welche Rolle hier die mentale Mehrfachbelastung genau bei Frauen mit Diabetes spielt, bedarf noch mehr Forschung.“

Versorgungsproblem: Medical Gaslighting

Viele Frauen erleben zudem, dass ihre Beschwerden nicht sofort ernst genommen werden. Symptome werden als Stress, Psyche oder Hormone eingeordnet. Fachleute sprechen von Medical Gaslighting. „Wenn Frauen später diagnostiziert oder weniger konsequent behandelt werden, ist das kein Einzelfallproblem“, sagt Theresia Schoppe, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des VDBD. „Es ist ein Versorgungsproblem.“

Dass diese Lücke messbar ist, zeigen Daten aus fast 20.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes und Herz-, Gefäß- oder Nierenerkrankung: Frauen erhielten Medikamente zum Schutz von Herz und Nieren seltener als Männer; weibliches Geschlecht senkte die Chance auf eine leitliniengerechte Therapie um 33 Prozent.7 Ein weiteres Modell mit Daten aus mehr als 200.000 Therapiestarts zeigt: Eine an individuellen Merkmalen orientierte Medikamentenwahl kann das Risiko für Therapieversagen über fünf Jahre um 38 Prozent senken.8

Was Frauen mit Diabetes wissen sollten

Der VDBD rät Frauen mit Diabetes, Veränderungen im Körper nicht als Nebensache abzutun. Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre, Schlaf, Stress und seelische Belastung können die Therapie beeinflussen. Wer unklare Symptome spürt, sollte den Glukosewert prüfen. Wer nach Schwangerschaftsdiabetes entbunden hat, sollte die Nachsorge fest einplanen. Und wer sich dauerhaft erschöpft fühlt, darf und sollte das in der Beratung ansprechen.

Denn Diabetesberatung bedeutet nicht nur, Werte zu erklären, so der VDBD. Sie kann helfen, Muster zu erkennen, Fragen zu sortieren und Frauen in Lebensphasen zu begleiten, in denen der Diabetes plötzlich neue Regeln schreibt. „Wenn sich der Diabetes plötzlich anders anfühlt, ist das kein Grund für Selbstvorwürfe, sondern dafür, genauer hinzuschauen – gemeinsam mit Ärztinnen, Ärzten und Diabetesberatung“, bilanziert Schoppe.


Referenzen:

[1] Speksnijder EM et al. Perceived blood glucose regulation after menopause: a cross-sectional survey in women with type 1 diabetes in the Netherlands. Diabetologia. MenoPause Consortium 2025;68(11):2499–2510.

[2] Schäfer-Graf UM et al. Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Kurzfassung der S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 057-008). Diabetol Stoffwechs 2025; 20: S222–S233.

[3] Linnenkamp U et al. Postpartum screening of women with GDM in specialised practices: Data from 12,991 women in the GestDiab register. Diabet Med 2022

[4] Priesterroth L et al. Counting the minutes: Perceived diabetes mental load and its associations with technology use and mental disorders. Journal of Diabetes Science and Technology, 19(3), 830–835.

[5] Castellano-Guerrero AM et al. Gender differences in quality of life in adults with long-standing type 1 diabetes mellitus. Diabetology & Metabolic Syndrome, 12(1), 64.

[6] Speight J et al. Bringing an end to diabetes stigma and discrimination: an international consensus statement on evidence and recommendations. Lancet Diabetes Endocrinol 2024;12(1):61-82.

[7] Suliman K et al. Implementation of guideline-recommended organ-protective therapy in T2D and cardiovascular, heart failure, or kidney disease: real-world evidence from a German University Hospital. Front Endocrinol 2026;16:1736984.

[8] Dennis JM et al. A five-drug class model using routinely available clinical features to optimise prescribing in type 2 diabetes. Lancet 2025;405(10480):701–714.

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Quellen Online-Pressekonferenz Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), 18.6.