Austern: Eine nachhaltige Lösung bei Darmentzündungen?

Auster (Foto: Pablo/stock.adobe.com)

Laufende experimentelle Studien liefern Hinweise darauf, dass ein Extrakt aus Austernfleisch eine starke entzündungshemmende Wirkung auf menschliche Darmzellen haben könnte.

Pazifische Austern (Crassostrea gigas) sind die weltweit am häufigsten gezüchteten Salzwassermuscheln. Bekannt sind sie für ihren hohen Nährwert und ihre bioaktiven Inhaltsstoffe, die antimikrobielle, antioxidative und krebshemmende Wirkungen entfalten. Neuere Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass sie Entzündungen in den weißen Blutkörperchen von Mäusen hemmen können.

Auf der diesjährigen Konferenz der Society for Experimental Biology in Florenz (Italien; 7.-9. Juli) stellten Wissenschaftler Forschungsergebnisse vor, die zeigen, wie getrocknetes Austernfleisch als natürliches, umweltverträgliches und leicht zugängliches Nahrungsergänzungsmittel zur Linderung von Darmentzündungen beim Menschen dienen könnte.

Umfassende Nährstoffanalyse des Austern-Weichgewebes

„Die Identifizierung natürlich vorkommender bioaktiver Substanzen mit entzündungshemmenden Eigenschaften stellt eine vielversprechende therapeutische und präventive Strategie für den Umgang mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen und deren systemischen Begleiterkrankungen dar“, erklärte Giulia Trinchera, Doktorandin an der Universität Ferrara (Italien).

Chronische Entzündungen können durch Veränderungen der Durchlässigkeit der Darmepithelbarriere ausgelöst werden, wodurch Bakterien und Toxine aus dem Darm in den Blutkreislauf gelangen. Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Entzündungen, indem sie zur Aufrechterhaltung dieser Epithelbarriere beiträgt.

Um die entzündungshemmenden Eigenschaften des Austernfleisches zu untersuchen, führte das Team eine umfassende Nährstoffanalyse des Weichgewebes der Auster durch, um dessen Zusammensetzung – einschließlich Proteinen, Lipiden, Mineralstoffen, Polyphenolen und Carotinoiden – zu bestimmen. Anschließend stellten sie einen Extrakt aus dem getrockneten Fleisch her und testeten dessen Wirkung auf menschliche Darmepithelzellen, die mit TNF-α behandelt wurden. Die Wirkung wurde mithilfe einer Reihe sich ergänzender Methoden gemessen, die der Analyse der genetischen, immunologischen und physikalischen Eigenschaften der Zellen dienten.

Extrakt verhindert Entzündung

Das Team stellte fest, dass bei Verwendung von Austernextrakt die Aktivierung der NF-κB-Signalwege wirksam unterbrochen und so eine Entzündung des Darmepithels verhindert wurde. Das Team beobachtete außerdem, dass der Austernextrakt die Expression von COX-2 verringerte – einem Enzym, das eine Schlüsselrolle bei Entzündungsreaktionen spielt.

Zusammen bewirkten diese Effekte den Schutz der Integrität der Darmbarriere und stellten eine normale Durchlässigkeit wieder her, selbst unter dem Einfluss entzündungsfördernder Reize. Diese schützende Wirkung auf die Darmbarriere wurde mittels Elektronenmikroskopie bestätigt.

„Dies ist nach unserer Kenntnis das erste Mal, dass für Austerngewebe eine entzündungshemmende Wirkung auf Darmzellen nachgewiesen wurde“, berichtete Trinchera. „Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass der Austernextrakt – in für Zellen ungiftigen Konzentrationen – in der Lage war, eine durch TNF-α ausgelöste Darmentzündung signifikant zu reduzieren.“

Leicht verfügbarer, kostengünstiger Kandidat

Ein wesentlicher Vorteil dieses Extrakts liegt darin, dass Austern bereits weltweit verzehrt werden. Zudem lässt sich der vom Team entwickelte Extrakt aus dem gesamten Austernfleisch gewinnen, ohne dass aufwendige Reinigungsverfahren erforderlich sind; damit wäre ein einfacher, leicht verfügbarer und kostengünstiger Kandidat für die Hemmung von Entzündungen.

„Die für unsere Versuche verwendeten Austern stammen aus der Sacca di Goro im Po-Delta, einem der produktivsten Aquakulturgebiete Italiens“, erklärte Trinchera. „Da dort jährlich 30 bis 40 Prozent der Austernproduktion als Abfall entsorgt werden, fragten wir uns, ob dieses ‚Abfallmaterial‘ als Inhaltsstoff für Nahrungsergänzungsmittel mit entzündungshemmendem Potenzial genutzt werden könnte – und sich somit ein ökologisches und wirtschaftliches Problem in eine Chance verwandeln ließe.“

Die Forscherin betont, dass es sich zwar um vielversprechende Ergebnisse handelt, jedoch weitere Experimente und klinische Studien erforderlich sind, um die Wirkung zu bestätigen, sichere Dosierungen zu ermitteln und genau zu identifizieren, welche bioaktiven Bestandteile für die entzündungshemmende Aktivität verantwortlich sind.

Ältere Forschung zu Austern und Darmentzündungen

Der Forschungsansatz ist nicht neu: Bereits vor einigen Jahren hatten japanische Wissenschaftler an Mäusen nachgewiesen, dass ein Extrakt aus derselben Austernart eine durch Dextransulfat-Natrium (DSS) induzierte akute experimentelle chronische Kolitis lindern kann. Dies war laut dem Team aus Japan möglich, weil der Austernextrakt das Darmmilieu – einschließlich der Mikrobiota-Zusammensetzung und des Profils kurzkettiger Fettsäuren (SCFA) – verbesserte.

Chinesische Forschende zeigten vor zwei Jahren in einer anderen Studie an Mäusen, dass Austern-Peptide bei Mäusen mit Colitis die Anzahl der Becherzellen erhöhten sowie die Produktion von Mucin und des Tight-Junction-Proteins Claudin-1 hochregulierten Zudemm hätten die Peptide von Austern den relativen Anteil an Proteobakterien gesenkt, das durch DSS verursachte mikrobielle Ungleichgewicht im Darm gemindert sowie oxidative Schäden und Entzündungen im Darmtrakt reduziert. (ac)