Duktales Adenokarzinom des Pankreas: Hat das Wohnumfeld Einfluss auf das Risiko?

Darstellung Bauchspeicheldrüsenkrebs. (Abbildung: Matthieu/stock.adobe.com)

Für eine neue Veröffentlichung haben Wissenschaftler laut eigenen Angaben erstmals den allgemeinen Zusammenhang zwischen der häufigsten Form von Bauchspeicheldrüsenkrebs und sozioökonomischen Faktoren auf Ebene des Wohnumfelds untersucht.

Trotz jüngster Fortschritte in der Therapie von Pankreaskarzinomen gibt es noch viele offene Fragen zur Entstehung und zur Früherkennung dieser Krebsart. „Bei einigen häufigen Krebsarten besteht ein Zusammenhang zwischen dem Wohnumfeld einer Person und der Wahrscheinlichkeit dafür, an der Krankheit zu erkranken“, erläutert Dr. Louise Wang, Assistenzprofessorin für Gastroenterologie an der Yale School of Medicine (USA) und Seniorautorin der Studie. „Wir wollten herausfinden, ob dies auch für Bauchspeicheldrüsenkrebs gilt.” Die Forschenden stellten sich die Frage, ob individuelle Risikofaktoren wie Genetik und Lebensstil ausschlaggebend sind oder ob auch Faktoren des Wohnumfelds eine Rolle bei der Entstehung des duktalen Adenokarzinom des Pankreas spielen. Das Team hat seine Ergebnisse kürzlich im Journal „JNCI Cancer Spectrum“ publiziert.

Leicht erhöhtes Risiko in besser gestellten Wohngegenden

Die Arbeitsgruppe nutzte Daten des Area Deprivation Index (ADI) der Veterans Health Administration (VA). Dieser Index misst Benachteiligungen im Wohnumfeld anhand von Kategorien wie Einkommen, Bildung, Wohnqualität und weiteren Faktoren. Die Wissenschaftler um Erstautorin Rachel N. Levinson von der Abteilung für Erkrankungen des Verdauungssystems an der Yale School of Medicine identifizierten 31.242 Patienten aus dem VA Health Care System, bei denen ein duktales Adenokarzinom des Pankreas diagnostiziert worden war und für die entsprechende Daten zum ADI vorlagen.

Erfasst waren 6.511.437 anspruchsberechtigte Patienten, für die auch ADI-Daten vorlagen. Es handelte sich mehrheitlich (92,4%) um Männer. Den weitaus größten Anteil (73,5%) machten Weiße aus, gefolgt von Schwarzen (16,5%) und Personen hispanischer Abstammung (16,5%). Die Studienautoren berichten, dass weiße Patienten niedrigere mittlere ADI-Perzentilwerte (53,9) aufwiesen als sowohl schwarze (mittlere Differenz 6,9; p<0,001) und hispanisch-stämmige Patienten (mittlere Differenz 2,2; p<0,001). Insgesamt erfüllten 5.069.429 Personen (77,9%) die Kriterien für die Analyse der vollständigen Datensätze.

Die Forschenden identifizierten 31.242 Patienten (0,62%) mit einem duktalen Adenokarzinom des Pankreas. Das mediane Alter zu Beginn der Beobachtung betrug 63 Jahre (Interquartilsabstand [IQR] 50–72). Die Betroffenen wurden im Median 4,8 Jahre lang nachbeobachtet.

Im Vergleich zu den übrigen ADI-Perzentilen waren Patienten aus den am wenigsten benachteiligten Wohngebieten bei Krankheitsbeginn eines duktalen Adenokarzinoms des Pankreas älter (66 vs. 62–64 Jahren; χ²-Test, p<0,001) und wiesen eine höhere entsprechende Inzidenzrate auf (91,5 vs. 69,2–73,6 Fälle/100.000 Personenjahre).

Verglichen mit Patienten aus Gebieten mit einem mittleren Indexwert (51–60) war für Personen aus den am wenigsten benachteiligten Wohngebieten ein erhöhte Hazard für das Auftreten eines duktalen Adenokarzinoms des Pankreas festzustellen (unbereinigte Hazard Ratio [HR] 1,22; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,14-1,30). Wie die Forschenden berichten, blieb dieser Zusammenhang auch nach Bereinigung um ethnische Zugehörigkeit, Lebensstilfaktoren, klinische Faktoren sowie den VACS-Charlson-Komorbiditätsindex bestehen (bereinigte HR 1,13; 95%-KI 1,06-1,21). Hinsichtlich des Risikos für ein duktales Adenokarzinom des Pankreas ergaben sich bei den übrigen ADI-Perzentilen keine klinisch signifikanten Unterschiede.

Im Vergleich zu klassischen persönlichen Risikofaktoren sehr geringer Einfluss

„Wir hatten nicht erwartet, dass Personen in Wohngebieten mit höherem Einkommen, höherem Bildungsniveau und anderen Vorteilen ein erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs aufweisen würden“, berichtet Wang. „Möglicherweise finden in diesen Gebieten häufigere Vorsorgeuntersuchungen und Überwachungen statt, sodass die Krankheit öfter diagnostiziert wird.“

Die Studienautoren beobachteten in keinem der anderen ADI-Perzentile klinisch signifikante Zusammenhänge mit dem duktalen Adenokarzinom des Pankreas. Das Forschungsteam macht darauf aufmerksam, dass schon in älteren Studien zu Brustkrebs, Schilddrüsenkrebs und Melanomen eine höhere Krebsinzidenz beziehungsweise ein höheres Risiko in sozial bessergestellten Wohngebieten festgestellt worden sei. Als mögliche Ursachen dafür seien in diesen Arbeiten Lebensstilfaktoren (wie weniger soziale Kontakte), eine häufigere Inanspruchnahme medizinischer Leistungen sowie umweltbedingte Risikofaktoren diskutiert worden.

Wang merkt an, dass das Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs im Vergleich zu anderen individuellen Risikofaktoren wie Rauchen und Alkoholkonsum dennoch sehr gering war. Zudem waren die Personen in den privilegiertesten Wohngebieten etwas älter, was eine Rolle gespielt haben könnte – wenngleich die Studie das Alter und Faktoren im Zusammenhang mit der Sterblichkeit statistisch berücksichtigte. Sie hofft zudem, dass in künftigen Forschungsarbeiten untersucht werden wird, ob sich in anderen Gesundheitssystemen ähnliche Ergebnisse zeigen.

Vorteil der VA-Daten: Große Menge, präzise Zusatzinformationen

Im Rahmen ihrer laufenden Bemühungen zur Verbesserung der Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs führen Wang und ihre Kollegen mehrere Forschungsprojekte auf der Grundlage von VA-Daten durch. Dabei untersuchen sie, wie sich verschiedene Faktoren – darunter Hepatitis C, umweltbedingte Belastungen sowie spezifische militärische Expositionen – auf die Entstehung von Bauchspeicheldrüsenkrebs auswirken.

„Die VA verfügt über eine enorme Menge an Daten, einschließlich sehr präziser geografischer Informationen. Dies macht sie zu einem hervorragenden Umfeld, um Risikofaktoren zu erforschen, deren Kenntnis uns helfen könnte, Bauchspeicheldrüsenkrebs besser vorzubeugen, frühzeitig zu erkennen und zu diagnostizieren – und so die Behandlungsergebnisse für die Patienten zu verbessern“, konstatiert Wang. (ac)

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