Gefühlsblindheit verstärkt Leidensdruck bei chronischen Schmerzen6. Mai 2026 Eine neue Studie stellt einen Zusammenhang zwischen Schwierigkeiten beim Erkennen von Emotionen und stärkeren chronischen Schmerzen fest. (Symbolbild: ©JK_kyoto/stock.adobe.com) Menschen mit chronischen Schmerzen, denen es schwerfällt, ihre Emotionen zu erkennen und zu beschreiben, sind im Alltag häufig stärker beeinträchtigt. Der Grund: Eine erhöhte psychische Belastung durch das als Alexithymie bezeichnete Persönlichkeitsmerkmal. Zu diesem Schluss gelangt eine aktuelle Studie aus den USA. Es gibt Menschen, denen es schwerfällt, ihre Gefühle wahrzunehmen und über diese zu sprechen. Dem kann ein spezielles Persönlichkeitsmerkmal zugrunde liegen – die Alexithymie, auch bekannt als „Gefühlsblindheit“ oder „Gefühlskälte“. Schätzungsweise zehn Prozent der Menschen sind davon betroffen, die Stärke der Ausprägung kann jedoch variieren. Obwohl es sich bei der Alexithymie selbst um keine Krankheit handelt, haben alexithyme Personen ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen. Dazu gehören Depressionen und Angststörungen, aber beispielsweise auch Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Offenbar gibt es auch eine Verbindung zwischen Alexithymie und chronischen Schmerzen. „Frühere Studien haben gezeigt, dass Alexithymie bei Menschen mit chronischen Schmerzen tendenziell stärker ausgeprägt ist. Wir wussten jedoch nicht, ob Alexithymie zu stärkeren Schmerzen führt oder ob stärkere Schmerzen zu Alexithymie führen“, berichtet Dr. Rachel Aaron, außerordentliche Professorin für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Johns Hopkins University School of Medicine (USA). Aaron ist leitende Autorin einer Studie, die sich genau mit dieser Fragestellung beschäftigte. Die Ergebnisse ihrer Studie erschienen kürzlich in der Fachzeitschrift „Health Psychology“. Sie liefern Hinweise darauf, dass chronische Schmerzpatienten mit Alexithymie im Laufe der Zeit aufgrund erhöhter psychischer Belastung stärkere Beeinträchtigungen ihres Alltags durch Schmerzen erfahren. Befragung von mehr als 1400 Schmerzpatienten über zwei Jahre An der groß angelegten Studie nahmen 1453 Erwachsene mit chronischen Schmerzen aus den gesamten Vereinigten Staaten teil. Die verantwortlichen Forscher beobachteten und befragten die Teilnehmer über einen Zeitraum von zwei Jahren. Daten zur Alexithymie erhoben sie anhand der Toronto Alexithymia Scale. Der 20-Punkte umfassende Fragebogen fragt drei Schlüsselkomponenten der Alexithymie ab: Schwierigkeiten beim Erkennen von Gefühlen, Schwierigkeiten beim Beschreiben von Gefühlen und extern orientiertes Denken. Die Schmerzintensität und die Beeinträchtigung durch Schmerzen der Patienten erfassten die Forscher anhand von zwei Subskalen des Brief Pain Inventory. Zur Messung von Angst und Depression sowie zur Beurteilung des Ausmaßes der psychischen Belastung der teilnehmenden Patienten verwendeten sie das Patient-Reported Outcomes Measures Information System. Mithilfe fortgeschrittener statistischer Modellierungsmethoden untersuchten die Studienautoren anschließend, ob emotionale Schwierigkeiten spätere Schmerzergebnisse vorhersagten – und ob die psychische Belastung eine vermittelnde Rolle spielte. Stärkere psychische Belastung und Schmerzbeeinträchtigung durch Alexithymie Im Ergebnis zeigte sich, dass Patienten, die zu Studienbeginn einen höheren Grad an Alexithymie aufwiesen, nach einem Jahr stärker psychisch belastet waren. Eine erhöhte Belastung war wiederum prädiktiv für eine stärkere Beeinträchtigung durch Schmerzen nach zwei Jahren. Die Schmerzen hatten also einen größeren Einfluss auf die Alltagsfunktionen und die Lebensqualität der Patienten. Andererseits erhöhte weder die Alexithymie noch die psychische Belastung die empfundene Schmerzintensität bei den Studienteilnehmern signifikant. Umgekehrt sagte die Beeinträchtigung durch Schmerzen keine spätere Alexithymie voraus. Das stützt die Annahme, dass Schwierigkeiten bei der emotionalen Verarbeitung ein Risikofaktor und keine Folge einer Verschlechterung der Schmerzsymptomatik sind. „Größere Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle zu erkennen, können zu stärkeren Symptomen psychischer Belastung führen, darunter Symptome von Depressionen und Angstzuständen“, resümiert die Studienautorin Aaron. „Dies kann wiederum zu größeren Schwierigkeiten bei der Bewältigung chronischer Schmerzen führen. Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Alexithymie in der psychologischen Behandlung chronischer Schmerzen zu berücksichtigen und zu verstehen, wie sie zu psychischer Belastung führen kann, um die Schmerzverläufe zu verbessern.“ (ah/BIERMANN) Das könnte Sie auch interessieren: Hinweise auf Verbindung von ADHS und chronischen Schmerzen Wie Kreativität Schmerzen beeinflusst
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