Können wir dem Stress „davon laufen“?

Die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Symbolbild: Studio Romantic/stock.adobe.com

Eine klinische Studie liefert neue Beweise dafür, dass regelmäßiges Ausdauertraining zu einer langfristigen Reduzierung des Stresshormons Cortisol führt. Dadurch könnte auch das stressbedingte Krankheitsrisiko sinken.

Bewegung wirkt sich positiv auf das Stresshormon Cortisol aus. Daten einer aktuellen Studie zeigen, dass 150 Minuten moderates Ausdauertraining pro Woche ausreichen, um den Cortisolspiegel langfristig zu senken. Die Ergebnisse sind im „Journal of Sport and Health Science“ veröffentlicht.

150 Minuten Ausdauertraining pro Woche

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen 150 bis 300 Minuten moderates oder 75 bis 150 Minuten intensives Ausdauertraining (aerobe Aktivität). Deutsche Fachgesellschaften und die American Heart Association haben diese Empfehlungen übernommen. In medizinischen Leitlinien wird meistens das Mindestmaß von 150 Minuten moderater Bewegung betont.

In der ersten klinischen Studie dieser Art haben US-Forschende nun untersucht, wie sich die Einhaltung dieser Empfehlung auf die Biologie von Stress und Emotionen auswirkt. Gemeinsam geleitet wurde die Studie von Dr. Peter J. Gianaros, Direktor des Center for Mind-Body Science and Health, und Dr. Kirk I. Erickson, Direktor der Translationalen Neurowissenschaften und Inhaber des Mardian J. Blair Lehrstuhls für Neurowissenschaften am AdventHealth Research Institute.

Langfristige Reduktion von Cortisol

Die Studie umfasste 130 Erwachsene im Alter von 26 bis 58 Jahren. Die Teilnehmenden wurden in zwei Gruppen randomisiert. Eine Gruppe absolvierte ein Jahr lang wöchentlich 150 Minuten moderate bis intensive aerobe Aktivität. Die andere Gruppe erhielt allgemeine Informationen zu gesunden Gewohnheiten, veränderte ihr Aktivitätsniveau jedoch nicht. Im Laufe des Jahres erfassten die Forschenden mithilfe von bildgebenden Verfahren des Gehirns und anderen modernen Techniken Veränderungen der kardiorespiratorischen Fitness, des Cortisolspiegels (im Haar) sowie verschiedener anderer Stress- und Emotionsindikatoren.

In einer früheren Veröffentlichung dieser klinischen Studie hatte das Team bereits darüber berichtet, dass die Bewegungsintervention den Alterungsprozess des Gehirns verlangsamen könnte. Signifikante Effekte auf die kardiorespiratorische Fitness und andere Biomarker wurden jedoch nicht beobachtet.

Die aktuelle Publikation liefert nun ein neues Ergebnis, nämlich die signifikante Reduktion des langfristigen Cortisolspiegels in der Trainingsgruppe. Cortisol ist das wichtigste Stresshormon des Körpers und spielt eine Rolle bei vielen Körperfunktionen, wie Stoffwechsel, Immunsystem, Schlaf, Gedächtnis und Stimmungsregulation. Ein hoher Cortisolspiegel wird zudem mit Herzerkrankungen, Stoffwechselstörungen und psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Niedrigerer Cortisolspiegel = geringeres Krankheitsrisiko?

„Der Einfluss von Bewegung auf den langfristigen Cortisolspiegel könnte einer der Mechanismen oder Vorteile von Bewegung sein, die vor verschiedenen Krankheiten und einigen psychischen Erkrankungen schützen. Um diese Zusammenhänge vollständig zu verstehen, ist aber noch weitere Forschung notwendig“, erklärt Gianaros. Denn bei anderen Indikatoren für psychischen Stress und negative Emotionen stellten die Forschenden keine eindeutigen Veränderungen fest. Die Autoren vermuten, dass bestimmte Limitationen ihrer Studie dafür ursächlich sein könnten.

Dennoch habe die aktuelle Studie bedeutende Implikationen, insbesondere, da die meisten Studien in diesem Bereich korrelativ sind und keine Kausalzusammenhänge belegen können. Auch der Untersuchungszeitraum von einem Jahr sei bislang einzigartig, so die Autoren. Regelmäßige körperliche Aktivität, wie sie von Gesundheitsinstitutionen empfohlen wird, könne demnach eine einfache, aber effektive Verhaltensstrategie sein, um die negativen Auswirkungen von Stress zu mindern und die Lebensqualität zu verbessern.

(mkl/BIERMANN)

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