Neue Behandlungsoption für Geburtsasphyxie22. September 2022 Sauerstoffmangel während der Geburt kann schwere Folgen für die betroffenen Kinder haben. (Foto: © jas – Pixabay) Forschende der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) beschreiben im US-amerikanischen Fachmagazin “Annals of Neurology” eine medikamentöse Behandlung für die Folgen einer Geburtsasphyxie. Die Geburtsasphyxie gehört zu den häufigsten Geburtskomplikationen und kann, wenn das Kind überlebt, zu epileptischen Anfällen und schweren Hirnschädigungen mit dramatischen Folgen für die weitere Entwicklung des Neugeborenen führen. Die bisher zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten verhindern diese Folgen nur unzureichend. Für ihre Studie untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Arbeitsgruppe von Prof. Wolfgang Löscher, Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie der TiHo, die Folgen einer Geburtsasphyxie in einem Tiermodell. Zur medikamentösen Behandlung setzten sie die Substanz Midazolam ein, die bei Neugeborenen verwendet wird, um akute Krampfanfälle nach einer Geburtsasphyxie zu unterdrücken. Das Ergebnis: Die Verabreichung von Midazolam nach einer Asphyxie verhinderte nicht nur die Anfälle bei einem Teil der Tiere, sondern auch die Folgen des Sauerstoffmangels für die Hirnentwicklung: Der Untergang von Nervenzellen und die negative Auswirkung der Asphyxie auf die Lern- und Gedächtnisentwicklung wurde so verhindert. Die bisher wirksamste Behandlung der Geburtsasphyxie ist das gezielte Absenken der Körpertemperatur (therapeutische Hypothermie), was aber in weniger als 50 Prozent der Fälle ausreichend wirksam ist. Als Mechanismen der Hirnschädigung durch den Sauerstoffmangel werden vor allem entzündliche Prozesse im Gehirn, oxidativer Stress und andere Ursachen von Neurodegeneration diskutiert. Nach einer Geburtsasphyxie gibt es beim Neugeborenen für etwa 72 Stunden die Möglichkeit des therapeutischen Eingreifens („therapeutisches Fenster“), wobei so früh wie möglich behandelt werden sollte. Der Mechanismus der schützenden Wirkung von Midazolam Midazolam gehört zur Gruppe der Benzodiazepine und wirkt wie alle Vertreter dieser Gruppe potenzierend auf die Wirkung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA), dem wichtigsten hemmenden Neurotransmitter im Gehirn. Dieser Mechanismus erklärt die krampf- und angstlösende Wirkung von Midazolam. Gleichzeitig wirkt Midazolam aber auch sehr potent auf den peripheren Benzodiazepinrezeptor, ein Transmembranprotein der äußeren Mitochondrienmembran, das heute als Translocator Protein (TSPO) bezeichnet wird. TSPO spielt unter anderem eine Rolle bei entzündlichen Prozessen, sodass Midazolam über TSPO anti-entzündlich wirkt. Löschers Gruppe konnte zeigen, dass der unerwartet positive Effekt von Midazolam nach einer Geburtsasphyxie vor allem auf der antientzündlichen Wirkung von Midazolam im Gehirn beruht, da mit dem Wirkstoff verhindert wurde, dass sich nach der Asphyxie das Nervengewebe entzündet. Ein neuer Therapieansatz für die Klinik? Die von den TiHo-Forschenden erstmals beschriebene Wirkung von Midazolam auf die Folgen einer Geburtsasphyxie kann unmittelbar in der Klinik genutzt werden, da das Arzneimittel bereits jetzt bei Neugeborenen mit Geburtsasphyxie eingesetzt wird, um Krampfanfälle zu unterdrücken. Löschers Arbeitsgruppe kooperiert in diesem Projekt mit den Neonatologinnen und Neonatologen an der Kinderklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). „Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse bald in die Klinik übertragen und genutzt werden“, sagt Löscher.
Mehr erfahren zu: "Weichteilsarkome bei Kindern: Größere Resektionsränder bedeuten nicht mehr Sicherheit" Weichteilsarkome bei Kindern: Größere Resektionsränder bedeuten nicht mehr Sicherheit Bei Kindern und jungen Erwachsenen mit Non-Rhabdomyosarkomen (NRSTS) reichen knappe chirurgische Resektionsränder von nur einem Millimeter aus, um eine Tumorkontrolle zu sichern. Darauf deuten die Ergebnisse der bislang größten prospektiven […]
Mehr erfahren zu: "Dauerhafte Sommerzeit erhöht Unfallrisiko für Schulkinder deutlich" Dauerhafte Sommerzeit erhöht Unfallrisiko für Schulkinder deutlich Eine dauerhafte Umstellung auf Sommerzeit würde das Risiko tödlicher Verkehrsunfälle auf dem Schulweg etwa verdoppeln und den zirkadianen Rhythmus von Kindern und Jugendlichen erheblich beeinträchtigen. Das zeigt eine Untersuchung aus […]
Mehr erfahren zu: "Myokarditis: COVID-19-Impfung zeigt deutlich günstigeres Risikoprofil als Infektion" Myokarditis: COVID-19-Impfung zeigt deutlich günstigeres Risikoprofil als Infektion Fälle von Myokarditis nach einer COVID-19-Impfung für Kinder und Jugendliche und der häufig leichte Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion in dieser Altersgruppe hatten zu einer gewissen Impfskepsis beigetragen. Nun zeigt eine Studie […]