Neue Hinweise auf genetische Zusammenhänge bei Angststörungen

Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Was haben die Gene damit zutun? Symbolbild: MA studio/stock.adobe.com

Mindestens 74 Genvarianten scheinen mit dem Auftreten oder der Intensität von Angstsymptomen in Verbindung zu stehen. Die Erkenntnisse stammen aus der bislang weltweit größten Genanalyse zu Angststörungen.

Angst ist ein lebenswichtiges Warnsystem des Menschen. Doch bei Millionen Betroffenen gerät diese Funktion aus dem Gleichgewicht und entwickelt sich zu einer belastenden Erkrankung. Eine neue internationale Studie mit fast 700.000 Teilnehmenden liefert nun die bislang umfassendsten Hinweise auf die genetischen Grundlagen von Angst – und bringt damit ein jahrzehntelanges Forschungsziel einen großen Schritt voran.

Angststörungen zählen zu häufigsten psychischen Erkrankungen

Angst, Furcht und auch Sorgen sind normale Stressreaktionen, die uns helfen, aufmerksam zu sein und in potenziell gefährlichen Situationen vorsichtig zu reagieren. Bei immer mehr Menschen fallen diese Symptome jedoch intensiver aus. Sie entwickeln eine Angststörung, die zu Problemen im Alltag und großem Leidensdruck führen kann.

Angsterkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Um die biologische Architektur von Angst besser zu verstehen hat sich im Rahmen der internationalen Forschungsinitiative PGC (Psychiatric Genomics Consortium) die Arbeitsgruppe Anxiety gegründet. Eine federführende Rolle beim Aufbau dieser Arbeitsgruppe spielte der Würzburger Psychiater und Angstforscher Jürgen Deckert.

Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety liefert nun mit Beteiligung der Würzburger Universitätsmedizin und weiteren Mitgliedern des Sonderforschungsbereiches TRR 58 „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ neue Einblicke in die genetischen Mechanismen von Angststörungen.

Bestimmen Gene die Stärke von Angstsymptomen?

Geleitet wurde die genomweite Assoziationsstudie (GWAS) von Prof. Thalia Eley vom King’s College London (Großbritannien). In Würzburg arbeiteten neben Jürgen Deckert noch Nora Strom, Angelika Erhardt-Lehmann (Co-Chair der AG PGC Anxiety) und Heike Weber an der Studie mit.

Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Forschungsteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. „Indem in unserer Studie die genetischen Daten nicht nur mit einer klinischen Ja-oder-Nein-Diagnose, sondern mit dem Schweregrad der Symptome verknüpft wurden, entstand ein neues Verständnis von Angst als biologisches Kontinuum – von normalen Stressreaktionen bis hin zu schwer beeinträchtigenden Erkrankungen“, erläutert Deckert das Besondere an der Studie.

74 genetische Hinweise auf Angst

Insgesamt identifizierten die Forschenden 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. Etwa die Hälfte davon war bereits aus früheren GWAS-Studien zu Angstzuständen bekannt, wie beispielsweise von Strom et al. (2026). 39 Positionen wurden jedoch erstmals beschrieben.

Neben dieser großen Anzahl von Genloci deuten die Ergebnisse auch auf bestimmte Gene hin, die eine Rolle bei Angst spielen könnten. Dazu zählen zum Beispiel PCLO und SORCS3. Viele der beteiligten Gene sind besonders im Gehirn aktiv und an der Kommunikation von Nervenzellen beteiligt.

Außerdem zeigt die Analyse: Die bekannten genetischen Unterschiede erklären lediglich etwa sechs Prozent der Unterschiede in der Ausprägung von Angstsymptomen zwischen verschiedenen Menschen. Der größte Teil der genetischen Einflüsse ist somit weiterhin unbekannt.

Zusammenspiel aus Genetik und Umweltfaktoren

Die Studie sei ein spannender Fortschritt beim Verständnis, wie das Risiko für Angstzustände durch biologische Prozesse beeinflusst werden kann, findet Megan Skelton, Research Fellow am IoPPN des King’s College London. Der Erstautorin der Studie ist es jedoch wichtig hervorzuheben, dass jemand mit einem sehr hohen genetischen Risiko nicht zwingend eine Angststörung entwickelt.

Umgekehrt kann auch jemand mit einem niedrigen genetischen Risiko durchaus eine entwickeln: „Genetische Einflüsse wirken zusammen mit Lebenserfahrungen, sozialen Kontexten und psychologischen Faktoren und stehen mit ihnen in Wechselwirkung, um das individuelle Risiko zu formen“, erklärt Skelton. „Der Anstieg der Angstraten, den wir beobachten, weist auf Umweltfaktoren hin. Das Verständnis genetischer Risiken kann uns helfen zu erkennen, wer für diese Faktoren besonders anfällig sein könnte, und letztlich zu wirksameren Präventions- und Behandlungsstrategien beitragen.“

Weitere Studien notwendig

Die Forschenden berechneten Polygenetische Risikoscores (PRS) für Angst, die das genetische Risiko jeder einzelnen Person in einer Zahl zusammenfassen. Grundlage waren die Ergebnisse der GWAS von Menschen europäischer Abstammung. Anschließend wurden die Scores in getrennten Gruppen von Menschen europäischer, afrikanischer und südasiatischer Herkunft getestet.

Dabei erklären die PRS nur einen kleinen Teil (1,2 bis 2,9 Prozent) der Unterschiede im Schweregrad von Angstsymptomen zwischen den Menschen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es teilweise gemeinsame genetische Einflüsse über verschiedene ethnische Bevölkerungsgruppen hinweg gibt. Weitere Studien in unterschiedlichen ethnischen Herkunftsgruppen sind notwendig, um spezifische genetische Risiken besser zu verstehen.

Psychische und körperliche Gesundheit eng verbunden

Es zeigte sich außerdem ein breites Spektrum signifikanter genetischer Korrelationen zwischen Angstzuständen und sowohl psychischen als auch körperlichen Erkrankungen. Dazu zählten Depressionen, Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen, koronare Herzkrankheit, Endometriose und Migräne.

„Diese Korrelationen verdeutlichen die Wechselbeziehung zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit“, sagt Brittany Mitchell, Leiterin der Forschungsgruppe „Complex Trait Genomics“ am QIMR Berghofer Medical Research Institute (Australien) und Co-Erstautorin der Studie. „Wichtig ist, dass einige gemeinsame genetische Varianten sowohl das Risiko für eine körperliche Erkrankung als auch für stärkere Angstsymptome erhöhen können. Gleichzeitig kann das Leben mit chronischen Schmerzen oder einer chronischen Erkrankung selbst zu Angstsymptomen beitragen.“

Die Ergebnisse zeigen derzeit allerdings keine Kausalität oder Wirkungsrichtung auf. Sie werfen jedoch wichtige Fragen für zukünftige Forschungen auf, so Mitchell. Studienleiterin Prof. Thalia Eley ergänzt: „Trotz der Auswirkungen von Angststörungen auf die öffentliche Gesundheit hinkt der Fortschritt beim Verständnis ihrer genetischen Grundlagen hinter dem anderer wichtiger psychischer Erkrankungen hinterher. Angesichts der hohen und steigenden Angstraten, insbesondere bei jungen Erwachsenen, ist es wichtiger denn je, unsere Fähigkeit zu verbessern, Risikofaktoren zu identifizieren und zu verstehen.“

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