|
Liebe Leserinnen und Leser,
vor Kurzem noch eine Zukunftsvision, hält Künstliche Intelligenz (KI) inzwischen zunehmend Einzug in die medizinische Forschung und Versorgung. Zwei aktuelle Beispiele aus der Neuroonkologie und Parkinsontherapie zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in datengetriebenen Verfahren steckt.
So haben Forschende aus Heidelberg ein KI-System entwickelt, das in der Diagnostik von ZNS-Tumoren neue Perspektiven eröffnet. Anhand von mehr als 11.000 digitalisierten Standardfärbungen trainiert, kann „Hetairos“ innerhalb weniger Minuten zwischen mehr als 100 molekularen Tumorsubtypen unterscheiden und damit diagnostische Prozesse erheblich beschleunigen. Und nicht nur das: Im Vergleich zu erfahrenen Neuropathologen erzielte die KI eine deutlich höhere Trefferquote, wenn zur Beurteilung nur Gewebeschnitte vorlagen. Damit könnte das System gerade in Regionen mit begrenzten Ressourcen den Zugang zu moderner Präzisionsmedizin verbessern.
Bedeutung gewinnt die differenzierte Unterscheidung verschiedener Subtypen von Hirntumoren wie dem Glioblastom auch durch die Entdeckung Schweizer Wissenschaftler. Diese haben herausgefunden, dass die Aktivität des Notch-Signalweges, der die Tumorzellen resistent gegen Behandlung macht, vom Subtyp des Glioblastoms abhängt. Die Forschenden sehen darin eine Chance, die ausgeprägte Immunevasion von Glioblastomen bei bestimmten Unterformen einzudämmen und die Tumoren so angreifbar zu machen. Da die Interaktionen zwischen Tumor- und Immunzellen bei vielen Krebsarten eine Rolle spielen, könnten die gewonnenen Erkenntnisse aber auch weit über das Glioblastom hinaus relevant sein.
Ob neue oder auch längst etablierte Therapien erfolgreich sind, sehen Behandler und Patienten oft unterschiedlich. Während erstere ihrer Beurteilung oft medizinische Skalen zugrunde legen, messen Betroffene den Behandlungserfolg meist daran, ob die Therapie ihnen im Alltag spürbar hilft und die Lebensqualität erhöht. Tübinger Forschende wollen diese patientenzentrierte Sichtweise bei Therapieentscheidungen künftig stärker in den Fokus nehmen und haben mithilfe von KI patientenrelevante Faktoren identifiziert, die eng mit einer späteren Verbesserung der Lebensqualität zusammenhängen. Die Ergebnisse sollen künftig dazu beitragen, Patienten individueller zu beraten und Therapieentscheidungen stärker an ihren persönlichen Bedürfnissen auszurichten.
Eine aufschlussreiche Lektüre und eine schöne Restwoche wünscht Ihnen
|