DDG fordert Kostenübernahme von Adipositasmedikamenten für Risikopatienten5. November 2026 Bild KI-generiert mit Gemini Moderne Medikamente können bei Adipositas nicht nur das Körpergewicht reduzieren, sondern auch das Risiko schwerer Folgeerkrankungen senken. Dennoch müssen Betroffene die Behandlung bislang meist selbst bezahlen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) fordert deshalb eine gezielte Kostenübernahme für Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko. Gleichzeitig mahnt sie den Aufbau strukturierter Versorgungsangebote und eine bessere Vernetzung von Praxen und Kliniken an. Fast jeder fünfte Erwachsene in Deutschland lebt mit Adipositas. Während sich die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt haben, hält die Versorgungsstruktur mit dieser Entwicklung bislang nicht Schritt. Darauf weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) anlässlich ihrer 20. Diabetes Herbsttagung hin, die am 13. und 14. November 2026 in Dresden stattfindet. Nicht nur Gewicht, sondern auch Risiko für Folgeerkrankungen reduzieren Im Mittelpunkt der gesundheitspolitischen Forderungen steht ein verändertes Verständnis der Erkrankung: Nicht mehr allein das Körpergewicht, sondern insbesondere die individuellen gesundheitlichen Folgen und das Risiko für Folgeerkrankungen sollen über die Behandlungsstrategie entscheiden. „Die Gewichtsabnahme ist Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, wie die Behandlung den Stoffwechsel verbessert und Organe schützt“, erklärt Prof. Susanne Reger-Tan, Tagungspräsidentin und Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW, auf der Vorab-Pressekonferenz. Adipositas gilt als chronische Erkrankung, die unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Nach Einschätzung von Reger-Tan verändert sich derzeit grundlegend, wie die Erkrankung diagnostiziert und behandelt wird. Der Body-Mass-Index (BMI) allein reicht demnach nicht aus, um das gesundheitliche Risiko angemessen abzubilden. Internationale Konzepte wie das Framework der European Association for the Study of Obesity (EASO) beziehen deshalb neben dem Körpergewicht zunehmend auch die Fettverteilung und bereits bestehende Folgeerkrankungen in die Diagnostik und Stadieneinteilung ein. Auch die Lancet-Kommission unterscheidet seit 2025 zwischen präklinischer und klinischer Adipositas (wir berichteten). Weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse und positive Effekte auf weitere Organe Ergänzend zu Lebensstilinterventionen können die derzeit verfügbaren inkretinbasierten Wirkstoffe das Körpergewicht durchschnittlich um 15 bis 21 Prozent reduzieren. In den Vergleichsgruppen mit Placebo lag die Gewichtsabnahme bei etwa zwei bis drei Prozent. Dass die Wirkung dabei über die Gewichtsabnahme hinausgeht, zeigen verschiedene klinische Studien. In der SELECT-Studie untersuchten Forschende Semaglutid bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas und bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, jedoch ohne Diabetes. Innerhalb von rund drei Jahren erlitten 6,5 Prozent der mit Semaglutid behandelten Personen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall oder starben an einer kardiovaskulären Ursache1. In der Placebogruppe waren es acht Prozent. In der SUMMIT-Studie traten bei Menschen mit Herzinsuffizienz und erhaltener Pumpfunktion kardiovaskuläre Todesfälle und Verschlechterungen der Herzinsuffizienz unter Tirzepatid um 38 Prozent seltener auf2. Auch für andere adipositasassoziierte Erkrankungen liegen positive Studiendaten vor, unter anderem für die metabolisch bedingte Steatohepatitis (MASH) mit Fibrose, die obstruktive Schlafapnoe und Kniearthrose. So bildeten sich unter Semaglutid bei knapp zwei Dritteln der Betroffenen die Leberentzündung und bei gut einem Drittel die Fibrose zurück3. Bei Menschen mit mittel- bis schwergradiger Schlafapnoe halbierte sich unter Tirzepatid die Rate der Atemaussetzer4. Auch die Schmerzen bei Kniearthrose gingen unter Semaglutid deutlich zurück5. Die aktuellen Leitlinien tragen dieser Entwicklung zunehmend Rechnung. Der EASO-Algorithmus orientiert die medikamentöse Behandlung an Komplikationen, körperlicher Funktion und Lebensqualität. Der aktuelle ADA-EASD-Konsensus 2026 empfiehlt zudem bei Typ-2-Diabetes einen frühzeitigen Einsatz von SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-basierten Therapien zum Schutz der Organe. Zugang zu wirksamen Medikamenten sollte nicht vom Einkommen abhängen Trotz der zunehmenden Evidenz bleibt der Zugang zu modernen Adipositasmedikamenten in Deutschland eingeschränkt. Der sogenannte Lifestyle-Paragraf (§ 34 SGB V) schließt Arzneimittel zur Gewichtsregulation von der gesetzlichen Erstattung aus. Nach einer Schätzung der AOK können sich die jährlichen Behandlungskosten auf rund 4.000 Euro belaufen. Betroffene müssen diese Kosten bislang selbst tragen. Die DDG fordert deshalb eine gezielte Ausnahme von der Erstattungsausschlussregelung für Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko. Dazu zählen beispielsweise Patientinnen und Patienten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, bei denen ein patientenrelevanter Nutzen der medikamentösen Behandlung belegt ist. Ein entsprechender Anspruch auf Kostenübernahme soll nach Vorstellung der DDG an klar definierte Voraussetzungen geknüpft werden. Die Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) hatte ebenfalls vorgeschlagen, den GBA mit der Festlegung entsprechender Kriterien zu beauftragen. Die medikamentöse Behandlung soll dabei ausdrücklich Bestandteil eines langfristigen Gesamtkonzepts bleiben. Ernährung, Bewegung und Unterstützung bei Verhaltensänderungen bilden weiterhin die Grundlage. Auch die metabolische Chirurgie ist eine wirksame Behandlungsoption. DMP Adipositas: Strukturierte Versorgung fehlt weiterhin Neben der Finanzierung fehlt es in Deutschland auch an verlässlichen Versorgungsstrukturen. Das Disease-Management-Programm (DMP) Adipositas für Erwachsene soll eine koordinierte und langfristige Betreuung ermöglichen. Seit Juli 2024 können Krankenkassen dafür regionale Verträge schließen. Bis Ende August 2026 wurde das Programm jedoch in keinem Bundesland angeboten (wir berichteten). Die DDG fordert deshalb eine verbindliche Frist für die Umsetzung sowie klare Behandlungspfade für Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko. Bei Bedarf sollen spezialisierte Praxen und Zentren einbezogen werden, beispielsweise mit qualifizierten Adiposiologinnen und Adiposiologen DAG/DDG oder dem DDG-Zertifizierungsmodul „Diabetes & Adipositas“. Auch Dr. Sandra Schlüter, Tagungspräsidentin und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie der DDG, sieht in der fehlenden Koordination eine zentrale Schwachstelle der Versorgung: „Es muss klar sein, wer die Behandlung koordiniert und die nächsten Schritte mit den Betroffenen bespricht. Dafür brauchen die Teams ausreichend Zeit für Beratung und eine gesicherte Finanzierung.“ Zuckersteuer und Prävention als weitere gesundheitspolitische Aufgaben Neben der Verbesserung der Behandlung fordert Reger-Tan auch stärkere politische Maßnahmen zur Prävention. Die Koalition hatte sich im Oktober 2026 auf eine zweistufige Zuckersteuer ab Juli 2027 verständigt (wir berichteten). Vorgesehen sind Abgaben von 26 Cent pro Liter bei mindestens 5 g Zucker und 32 Cent pro Liter bei mindestens 7 g Zucker je 100 ml. Die Entscheidung des Bundestags steht allerdings noch aus. Ergänzend sprechen sich DDG und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) auch für Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung für ungesunde Lebensmittel sowie verbindliche Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung aus. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen unterstreichen auch die sozialen Unterschiede bei der Erkrankung: Menschen mit niedriger Bildung sind mehr als doppelt so häufig von Adipositas betroffen wie Menschen mit hoher Bildung. Gleichzeitig haben sie aufgrund der hohen Selbstzahlerkosten geringere Chancen auf den Zugang zu modernen Therapien. „Der medizinische Bedarf muss über den Zugang zur Therapie entscheiden und sollte nicht von monetären Mitteln jedes beziehungsweise jeder Einzelnen abhängig sein“, betont Reger-Tan deshalb abschließend. Wirksame Medikamente, aktuelle Leitlinien und das DMP lägen vor. Jetzt müsse die Politik die Weichen stellen. (mkl) Literatur: [1] Lincoff AM et al. Semaglutide and cardiovascular outcomes in obesity without diabetes. N Engl J Med 2023; 389(24):2221–2232.[2] Packer M et al. Tirzepatide for heart failure with preserved ejection fraction and obesity. N Engl J Med 2025; 392(5): 427–437.[3] Sanyal AJ, Newsome PN, Kliers I et al. Phase 3 trial of semaglutide in metabolic dysfunctionassociated steatohepatitis. N Engl J Med 2025; 392(21): 2089–2099.[4] Malhotra A et al. Tirzepatide for the treatment of obstructive sleep apnea and obesity. N Engl J Med 2024; 391(13): 1193–1205.[5] Bliddal H et al. Once-weekly semaglutide in persons with obesity and knee osteoarthritis. N Engl J Med 2024; 391(17): 1573–1583.
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