Therapieentscheidung bei Darmkrebs: Studie zeigt klaren Nutzen der Beurteilung zirkulierender Tumor-DNA

Molekulare Diagnostik. (Quelle: Michael Kretzschmar; Copyright: UKD)

Eine große klinische Studie unter Leitung der Hochschulmedizin Dresden liefert wichtige Erkenntnisse für eine belastbare Entscheidungsgrundlage durch ctDNA, wenn es um eine Chemotherapie nach Operationen wegen Darmkrebs geht.

Nach einer Operation wegen Darmkrebs stellt sich für viele Patienten die Frage, ob eine anschließende Chemotherapie notwendig ist, um ein mögliches Rezidiv zu vermeiden. Besonders im Stadium II, der mittleren Risikogruppe, ist die Entscheidung schwierig: Zwar erleidet etwa jeder fünfte unbehandelte Patient ein Rezidiv, gleichzeitig bedeutet die adjuvante Chemotherapie für viele Betroffene eine hohe und unter Umständen nicht notwendige Belastung.

Die kürzlich in den „Annals of Oncology“ veröffentlichte CIRCULATE-Studie ist laut ihren Autoren die erste randomisierte Untersuchung, in der gezielt geprüft wurde, ob Patienten mit nachweisbarer zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) von einer Chemotherapie profitieren.

Bestätigung der hohen prognostischen Aussagekraft von ctDNA

Zwischen 2020 und 2025 wurden mehr als 2100 Patienten in Deutschland und Österreich in die Studie eingeschlossen. Bei einem positivem ctDNA-Befund teilte man sie zufällig entweder einer Chemotherapie oder der bisherigen Standardbehandlung, einer reinen Beobachtung, zu.

Die Ergebnisse bestätigen zunächst die hohe prognostische Aussagekraft von ctDNA: Drei Jahre nach der Operation waren 87 Prozent der ctDNA-negativen Patienten rezidivfrei, verglichen mit nur 52 Prozent in der ctDNA-positiven Gruppe.

Deutliche Senkung des Rezidivrisikos

Darüber hinaus zeigte die Studie erstmals in einem randomisierten Ansatz einen konkreten Therapieeffekt: In der Auswertung der tatsächlich behandelten Patienten lag die Rezidivfreiheit nach drei Jahren unter einer Chemotherapie bei 77 Prozent, verglichen mit 38 Prozent ohne Behandlung. Das Rezidivrisiko konnte also deutlich gesenkt werden.

„Diese Studie liefert zwei zentrale Ergebnisse“, fasst Studienleiter Prof. Gunnar Folprecht zusammen. Er ist Onkologe und Oberarzt an der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Dresden (UKD). „Wir konnten bestätigen, dass ctDNA ein klinisch bedeutsamer Risikomarker ist. Vor allem aber haben wir darauf aufbauend nachgewiesen, dass ctDNA-positiv getestete Personen tatsächlich von einer Chemotherapie profitieren.“

Für die klinische Praxis könnte dies heißen, dass Patienten ohne nachweisbare ctDNA auf eine Chemotherapie verzichten können, während ctDNA-positiv getestete Personen gezielter behandelt werden sollten.

„Voraussetzung für die Heilung eines Dickdarmkrebses ist eine perfekte Chirurgie“, betont Prof. Jürgen Weitz, Mitautor sowie Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am UKD und einer der geschäftsführenden Direktoren des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT/UCC) Dresden. „Um den Behandlungserfolg bei Patientinnen und Patienten mit Dickdarmkrebs langfristig zu sichern, ist zusätzlich eine an das individuelle Rückfallrisiko angepasste Chemotherapie nach der Operation wichtig.“

Potenzial der translationalen Onkologie für die Versorgung von morgen

„Die CIRCULATE-Studie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie translationale Forschung molekulare Erkenntnisse in klinisch nutzbare Evidenz überführt. Akademische klinische Studien sind ein zentraler Schwerpunkt der Dresdner Hochschulmedizin. CIRCULATE zeigt, welches Potenzial die translationale Onkologie für die Patientenversorgung von morgen bereithält“, unterstreicht Prof. Esther Troost, Dekanin der Medizinischen Fakultät der TU Dresden.

„Für unsere Patientinnen und Patienten bedeuten diese Ergebnisse eine echte Chance“, betont Prof. Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Dresden. „Am UKD haben wir prinzipiell die Voraussetzungen, solche innovativen Ansätze im Rahmen klinischer Studien in die Versorgung zu bringen, wenn die Rahmenbedingungen geklärt sind.“

Nötige Klärung von Verfügbarkeits- und Finanzierungsfragen

Für einen breiten Einsatz der Behandlung bestehen derzeit in dieser Hinsicht noch Hürden. Der in der Studie verwendete Test ist bislang nicht kommerziell verfügbar. Zwar existieren kommerzielle Alternativen. Die Kosten werden in Deutschland derzeit allerdings nicht regelhaft von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

„Bevor ctDNA-basierte Therapieentscheidungen in den klinischen Alltag einziehen können, ist eine Klärung der Verfügbarkeits- und Finanzierungsfragen notwendig“, fasst Folprecht zusammen.

Die CIRCULATE-Studie wurde am Universitätsklinikum Dresden konzipiert und vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Beteiligt waren unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft, die Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group in Wien (Österreich), die Ruhr-Universität Bochum sowie mehr als 140 Studienzentren in Deutschland und Österreich.

Zusammen mit Ergebnissen aus internationalen Studien (DYNAMIC-Studie/Australien, GALAXY-Studie, Japan) verdichten sich laut den verantwortlichen Wissenschaftlern mit der CIRCULATE-Studie die Hinweise, dass ctDNA-Tests die Therapieplanung bei Darmkrebs künftig deutlich individualisieren könnten. Die noch laufende französische CIRCULATE-PRODIGE-70-Studie werde weitere Daten liefern.

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